Auf ein Wort

Auf ein Wort mit Prof. Dr. Werner Ziegler

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Auf ein Wort mit Prof. Dr. Werner Ziegler
Prof. Dr. Werner Ziegler

Liebe koi-Leserin, lieber koi-Leser,

ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, die zweite Hälfte des Jahres 2019 ist ange-brochen. Ja, es ist schon eine seltsame Sache mit der Zeit. Aussagen wie diese bestätigen das: „Zeit ist Luxus für mich.“ „Ich bräuchte viel mehr Zeit.“ „Je älter ich werde, umso schneller vergeht die Zeit.“

Das subjektive Empfinden der Erwachsenen zu wenig Zeit zu haben, ist flächende-ckend. Dabei gibt es doch Erfindungen, die Zeit sparen. Denken wir an die Wasch-maschine, an das Auto, das Flugzeug, die E-Mail und auch an den Thermomix. Al-les Dinge, die enorme Zeiteinsparungen bringen. Und warum haben wir dennoch immer weniger Zeit? Meines Erachtens liegt ein Hauptgrund darin, dass wir die durch alle Gerätschaften eingesparte Zeit nicht etwa zur Entschleunigung einset-zen, sondern ganz im Gegenteil zur weiteren Beschleunigung. Die eingesparte Zeit wird (in der Regel völlig unbewusst) sofort für andere zahlreiche Aktivitäten ver-braucht, ja nicht selten überkompensiert. Und schon sind sie da, der Zeitdruck und der Zeitmangel.

Das Ganze wird dann auch noch befördert durch gesellschaftliche Erwartungen. Diese äußern sich in Aussprüchen wie: „Hast Du nichts zu tun? „Schlafen kannst Du, wenn Du tot bist!“ „Lieg nicht auf der faulen Haut!“ usw..Wie können wir diesem „Zeitdiktat“ entgehen? Schwer, sehr schwer! Wir müssen lernen, uns selbst mehr Zeit zu gönnen. Das bedeutet, dass Prioritäten verschoben werden müssen: mehr Entspannung und Erholung, Urlaub ohne Stress, mehr Zeit für die Familie usw. Entschleunigung – und das wiederum heißt Mut zur Langsam-keit. Dies ist weder Luxus noch Verschwendung, dies ist sehr oft pure Notwendig-keit!

Und wie sieht es mit der immer schneller vergehenden Zeit aus? Die allermeisten von uns haben das Gefühl, dass mit zunehmendem Alter die Zeit viel schneller ver-geht. Die Psychologin Isabell Winkler ist Zeitforscherin an der TU Chemnitz und bringt es auf den Punkt: „Die Zeit vergeht immer schneller, weil wir mit dem Alter immer seltener Dinge tun, an die wir uns später noch erinnern.“ Dies heißt, dass wir Älteren immer mehr routinemäßig vorgehen. Routine ist gut und wichtig, sollte aber immer Raum lassen für neue Erfahrungen und Empfindungen – Ereignisse eben, an die wir uns (gerne) erinnern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine entschleunigte Sommerzeit mit vielen schönen, erinnernswerten Ereignissen und Erlebnissen.
Ihr W. Ziegler