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„Die Zwangsarbeiterin – Nadeshdas langer Weg nach Hause“

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„Die Zwangsarbeiterin – Nadeshdas  langer Weg nach Hause“

Nadeshda Slessarewa in Geislingen

Auf einer Pressemitteilung der Stadt Geislingen bezüglich der Begrüßung von 200 geflüchteten Ukrainern durch OB Dehmer wurden wir durch eine nette Mitarbeiterin der Stadt auf ein Bild aufmerksam gemacht, auf welchem eine freundliche, ältere Dame abgelichtet wurde.

Es handelt sich im Nadeshda Slessarewa (91 Jahre), ehemalige Zwangsarbeiterin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Über die Autorin verschiedener Bücher gibt es im Internet einiges zu lesen, erst im Oktober 2021 hat das ZDF eine Dokumentation mit dem Titel „Die Zwangsarbeiterin – Nadeshdas langer Weg nach Hause“ herausgebracht. Wer ist die berühmte Dame, die es aufgrund des Krieges nach Geislingen verschlagen hat?

Nadeshda Slessarewa wurde am 23.9.1930 in der Ukraine geboren und setzt sich seit Jahrzehnten für das Gedenken an die NS-Zwangsarbeiter ein. Als Tochter einer Grundschullehrerin und eines Agrarwissenschaftlers genießt sie eine glückliche Kindheit. Doch die Ukraine leidet unter dem Terror Stalins, der den Freiheitswillen der Ukrainer mit harter Hand unterdrückt. 1937 wird ihr Vater dann von der sowjetischen Geheimpolizei ohne Begründung verhaftet und als Volksfeind hingerichtet.

Ihre Mutter kommt in ein sogenanntes Besserungs-Arbeitslager nach Sibirien. Nadeshda selbst kommt ins Kinderheim für Kinder der Volksfeinde. Sie hat Glück und wird von ihrer Tante und ihrem Onkel adoptiert und entkommt somit dem Kinderheim. Also wäre dies nicht genug, überfallen im Jahr 1941 die Deutschen die Sowjetunion. Hitler will den „Lebensraum im Osten“ unterjochen. Gegenwehr gab es fast keine von den ausgelaugten, von Stalins Herrschaft unterdrückten Ukrainern, die 1932/33 noch unter einer gigantischen Hungersnot litten. Vier Millionen Ukrainer starben durch die von Menschen gemachte Tragödie.

Die Deutschen werden von Teilen der Bevölkerung zu Beginn noch freudig mit Blumen begrüßt mit der Hoffnung, dass eben alles nur besser werden könnte. Ihre Hoffnung wird enttäuscht. Millionen werden getötet. Aus Sicht der Nazis waren die Slaven Untermenschen, ohne Recht zu leben. Dann wendet sich das Blatt, der Blitzkrieg funktioniert nicht, die Nazis müssen sich zurückziehen. Die Politik der verbrannten Erde beginnt: Wer nicht mit ins deutsche Reich zur Zwangsarbeit verschleppt werden kann, dem droht der Tod. Nadezhda ist erst 13 Jahre alt, als die Nazis aus ihrer Heimatstadt fliehen müssen.

Monatelang ist sie zu Fuß unterwegs in Richtung Deutsches Reich. Ihre Beine sind erfroren, sie verlor ihre Zähne, Nahrung gab es absolut keine, bei einer täglichen Marschleistung von 30 Kilometern. Wer zusammenbricht wird getötet. Ihr Onkel trug sie, als sie nicht mehr konnte. Mittlerweile wurde die deutsche Fluchtrute durch die Rote Armee bombardiert. Nadezhda hatte Glück und überlebte. Ihre Familie wurde mit vielen anderen in vergitterte Viehwagons gepackt und abtransportiert, um Zwangsarbeiter zu werden.

Die Hälfte sind minderjährige Frauen. In Polen angekommen wurden sie dann „desinfiziert“. Weiter geht es nach Ungarn und Österreich, von Durchgangslager zu Durchgangslager. 8 Monate nach ihrer Verschleppung kommt sie in die schwer umkämpfte Reichshauptstadt Berlin. Wieder wurde sie in Viehwagons gesteckt und nur durch viel Glück dort nicht von den Bomben getroffen.

Weiter ging die unmenschliche Reise in ein KZ nach Polen bei Danzig. Nadeshda wurde sehr krank, der Tod war allgegenwärtig. Der Krieg war für Deutschland längst verloren, was die Deutschen aber nicht an der weiteren Vernichtung von Menschenleben hinderte. Der Großteil der Zwangsarbeiter wurde in den letzten Kriegswochen getötet. Mit mittlerweile 14 Jahre lebte sie als Sklavin ohne jegliche Rechte.

Über 13 Millionen Menschen müssen im Deutschen Reiche Sklavenarbeit verrichten. 2,7 Millionen davon sterben. Nadeshda und ihre Familie überlebten. Die Verpflegung wurde zu Kriegsende schlechter. Ihr Arbeitgeber bemühte sich, ihnen zu helfen und brachte sie als Arbeiter in seinem privaten Haushalt unter. Die italienischen Kriegsgefangen im Lager prügelten sich um Fäkalien, um die daraus unverdauten Erbsen herauszufischen. Der Krieg ist mittlerweile fast vorbei.

Jetzt bomben die Alliierten. Am 26. April 1945 fällt Berlin, der Krieg ist vorbei. Die Zwangsarbeit im Deutschen Reich hat sie überlebt, doch es droht neues Elend. Sie und ihre Familie fürchten sich vor Stalin in der Ukraine und ziehen deshalb nach Polen. Dort lebt sie drei Jahre, bis sich ihre Mutter, aus der Haft entlassen, bei ihr meldet. Nadeshda verlässt ihre Pflegefamilie und trifft ihre Mutter in der Ukraine 1948 wieder. Sie lebt in einer kleinen Hütte mit ihrer Mutter, beendet die Schule, studiert und promoviert in Kiew.

Dort hatte sie anfangs allerdings auch kein schönes Leben, da über die Mädchen, die in Deutschland waren, Vorurteile herrschten. 1959 heiratet sie, sie bekommt 2 Töchter. Nach weit über 50 Jahren bekommt sie nach der Wiedervereinigung eine Entschädigung von Deutschland, insgesamt 5500 DM.

5 Bücher schrieb sie in ihrem Leben, um an die NS-Arbeiter zu gedenken.

Sie kämpft weiter gegen das Vergessen und gründet ein Frauenzentrum für Geschädigte totalitärer Regime. Nun hat sie wahrlich genug durchgemacht in ihrem Leben und sich mehr als jede andere einen friedlichen Lebensabend verdient … Das Schicksal hat es aber wieder anders mit ihr gemeint und sie durch den Krieg in ihrer Heimat nach so vielen Jahren wieder nach Deutschland in unser Geislingen geführt.

Wer sich dies alles einmal näher zu Gemüte führt, sollte über jeden Tag, den wir hier mit unseren alltäglichen Problemen verbringen, mehr als glücklich sein. Wir wünschen ihr alles erdenklich Gute, wenn man das an dieser Stelle so schreiben kann.