Historie

Allerlei Getier inmitten der Menschen …

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Allerlei Getier inmitten der Menschen …

Gaisen waren nicht erwünscht

Dass die idyllischen Szenen der Maler nicht reine Phantasieerzeugnisse, nicht aus der Schäferromantik der Rokokozeit übernommene konventionelle Zutaten waren, beweist als unanfechtbarer Augenzeuge kein Geringerer als der ehemalige Geislinger Schulmeister von 1763-1769, Schubart, in seinen Lebenserinnerungen. wenn er erzählt: „Wie oft sah ich vom öden Turme … mit dem Sehrohr hinab ins blühende Thal, von Menschen und Herden bewimmelt und teilte meiner Gattin, die sich auf meine Schulter lehnte, die süßen Gefühle mit.“

Noch eingehender schreibt der Sohn Ludwig Schubart von seinem Vater: „Oft ließ er den Knaben (eben Ludwig Schubart) von seinen Schülern auf den erwähnten Turm hinauftragen; wies hinab auf die mannigfaltigen Schönheiten der großen Natur, auf den steigenden Staubbach (den Rorgensteiger Wasserfall), auf den goldlockigen Ziegenhirten, der von seiner Herde umgaukelt auf der wild überhangenden Klippe sorglos zwischen Gesträuchern blies . . .“

Kuh-, Schaf- und Ziegen-, in älteren Zeiten wohl auch Schweinehirt existierten also nicht nur in der Phantasie der Maler und Dichter, sondern leibhaftig und gaben nicht nur der Kunst Motive, sondern auch der Obrigkeit. Namentlich die „Gaisen“ machten ihr immer wieder zu schaffen durch den Schaden, den sie am heranwachsenden Wald anrichteten. Die Ziegen sind bekanntlich neben den Menschen in erster Linie schuldig an der Kahlheit sämtlicher Berghänge um das Mittelmeerbecken herum. Gerade um die Mitte des 16. Jahrhunderts war die Not auch in den Wäldern der Ulmer Alb besonders empfindlich. Sie u. a. führte ja um jene Zeit im Zimmermannshandwerk zum Übergang von der Verblattung zur Verzahnung.

1559 hatte der Ulmer Rat eine Ordnung ergehen lassen für die Haltung von Kühen und „Gaisen“ und 1615 sie wegen Fortdauer der Not erneuert und in das Geislinger Stadtbuch eintragen lassen. Darin wurde festgelegt, dass ein Bürger und Beiwohner, der drei Kühe habe, keine „Gaise“ mehr halten dürfe. Wer nur eine oder zwei Kühe habe, dürfe wenigstens eine „Gaise“ halten; wer aber bei einer oder zwei Kühen auch noch Schafe halte, dürfe wegen der Schafe keine „Gaise“ halten; wer nur zwei „Gaisen habe, aber keine Kühe und Schafe, dürfe auch noch ein Kitzlein aufziehen.

Noch mehr Anlass zum Einschreiten gaben die Schafe. Und Schafe müssen wegen der Vorliebe der Geislinger für „Schaufbrautes“ viele gehalten worden sein und durchaus nicht nur von Bauern und kleinen Landwirten. Schon in einer Ordnung von 1442 heißt es: „Ain jeglicher Schäffer zu Geislingen soll 30 Schaf haben zu winter fuer und nit mehr und 16 Schaf zu Summer fuer und nit mehr. Welcher aber darüber hat, soll allweg zu Poen geben von ainem jeden Schaf ain gross [Groschen], dieselb Poen soll der Statt volgen wie dick [oft) man die zehlt.“

Quelle: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige – Georg Burkhardt / Kommissionsverlag Jan Thorbecke Konstanz / 1963