Historie

Die Geislinger „Ordnungen“

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Die Geislinger „Ordnungen“

Keine Notdurft zwischen den Toren …

Der Artikel „Wäschens und Laugens halb“ verbot das Laugen in den Häusern nach der Nachtglocken des Abends und vor der Wachtglocken des Morgens (wegen der ätzenden Wirkung?) und bei Tag und Nacht das Waschen von Wäsche „ob dem Bach und ob den Kästen“, d. h. Brunnenkästen.

Dieses Verbot hing nun nicht mehr mit der Feuersgefahr zusammen, sondern war ein Gebot der primitivsten Hygiene. Jedes Übertreten dieser Verbote wurde mit einem Gulden bestraft. Auf die Sauberkeit der Stadtmauern mit ihren Winkeln, Zwinghöfen und den Gassen hob die Bestimmung ab, daß jeder Einwohner seine Kinder und Ehehalten (Dienstboten) dazu anhalten solle, weder auf den Mauern und Gassen noch zwischen den Toren ihre Notdurft zu verrichten (die Bedürfnisanstalten waren eben noch nicht erfunden): es wurde dabei als selbstverständlich vorausgesetzt, daß Eltern und Herrschaften selbst mit gutem Beispiel vorangingen. Es darf auch niemand zwischen den Toren Mist, Urbau (Schutt) und anderes ablagern bei Strafe von 5 sh; dabei scheint weniger er auf die Sauberkeit der Straßen als auf die Verhütung von Verkehrshindernissen an den verhältnismäßig engen Toren abgehoben zu sein.

Den Zimmerleuten und Maurern wird ausdrücklich verboten, auf Hofstatten und Zaunstätten, d. h. umzäumtem Land“ gegen der gemaind“. d. h. Gemeindeeigentum zu bauen ohne Vorwissen eines Burgermeisters bei einem Gulden Strafe; bei stärkerem Zuwiderhandeln mußte der Fall nach Ulm gemeldet werden. Das ehemalige „Bollwerk“ (Zeit und Zweck der Anlage unbekannt) in der Gegend der heutigen Bleichstraße hatte Ulm der Stadt Geislingen „aus Gnaden behändigt“, als Bleiche für die Geislinger Bürger und Bürgerinnen. Es dürfen deswegen weder Pferde noch Kühe noch irgend ein anderes Vieh darauf getrieben werden.

In der Nähe befindet sich heute noch der „Flößgraben“ unter der Gartenstraße und ist deshalb jetzt unsichtbar. Er ist der eigentliche Rohrachlauf. Beim Flößgraben handelte es sich um das Fischereirecht. Er war von Ulm „Aainer gemaindtschaft Alhie zu Geislingen Aus Gnaden zu gemain gegeben“ und Obervogt und Pfleger und Gericht hatten „nachfolgende Ordnung fürgenommen“. Im Flößgraben dürfen nur Geislinger Bürger fischen, aber auch diese nicht mit irgendeinem dazu geeigneten Werkzeug, „auch nicht Gumpen ausschöpfen“, sondern nur in der Zeit zwischen morgens 8 Uhr und 4 Uhr abends mit bloßen Händen, auch nicht mit einem Gäbelein. Es dürfen aber nur Fische für den eigenen Verzehr in der Wohnung und nicht zum Verkauf gefangen werden.

Quelle: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige – Georg Burkhardt / Kommissionsverlag Jan Thorbecke Konstanz / 1963