Historie

Geislinger Einbürgerung

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Geislinger Einbürgerung

Die behördlichen „Aide“

Die Frage, ob der um das Bürgerrecht sich Bewerbende die „prästanda“ auch wirklich „prästieren“ könnte, ob sie nicht zum Teil oder ganz entlehnt seien, wie auch die der moralischen Qualitäten (arbeitsscheu, uneheliche oder voreheliche Kinder usw.), des Leumunds, wurden z. B. im 18. Jh. nach Ausweis der Gerichtsprotokolle sehr genau geprüft und namentlich im Fall mangelnden Vermögens und handwerklicher Ausbildung (man wollte nicht zu viele Taglöhner) negativ entschieden.

Als der Kunstmaler Johann Leonhard Schneider 1741 um das Bürgerrecht für seine Frau nachsuchte, wurde es zwar ihr gewährt, sogar mit der „Gnade“, dass sie nicht leibeigen sein sollte, aber ihrem vorehelichen Kind verweigert. 1790 wurde zwar das künftige Weib des Schneiders Durst als Bürgerin angenommen, aber ihr noch ungeborenes Kind wird nicht als Bürgerskind betrachtet. 1793 bewerben sich der in Geislingen in Diensten stehende Georg Ziller von Groß-Süßen und „seine Geschwächte“ Margareth Zimmermann von Gussenstadt um das hiesige Bürgerrecht.

Beide sollen nach Mitteilung des Oberamts das erforderliche Vermögen besitzen. Das Gericht bezieht sich aber auf einen Beschluss vom 3. April 1786, dass man zwei Fremde nicht mehr auf einmal aufnehmen solle; es müsse ein Teil davon schon vorher ins Bürgerrecht aufgenommen worden sein, entweder das Mannsbild oder das Weibsbild. Wenn man berücksichtige, dass sie schon schwanger sei, so handle es sich in diesem Falle sogar um drei Personen, dazu reiche das Vermögen nicht.

Zu der Frage der vielfachen Eide, die Ulm in Geislingen schwören ließ, ist noch zu bemerken, dass die Menschen jener Generationen nach dem 30jährigen Krieg und den immer wieder sich erneuernden Kriegs- und anderen Drangsalen sich mehr als wir gottentfremdete Menschen der Gegenwart in unbedingter Abhängigkeit von Gott und ihm verpflichtet gefühlt haben.

Sie haben das Motto „Omnia cum Deo, nihil sine eo!“ (alles mit Gott, nichts ohne ihn) meist nicht als eine nur konventionelle Formel in ihre Geschäftsbücher geschrieben, sondern haben diese Worte ernst und keinen Anstoß daran genommen, wenn sie bei Übernahme einer Verpflichtung in besonders unüberhörbarer Weise an Gott erinnert wurden.

Die Gefahr einer Entwertung des Eides, der Auffassung als einer mehr oder weniger bedeutungslosen Formel bestand in jenen Zeiten viel weniger als heutzutage, wo der durchschnittliche Bürger nicht mehr der Gläubigste ist. Dass damals trotz der eidlichen Sicherung Zuwiderhandlungen nicht selten waren, soll nicht bestritten werden.

Quelle: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige – Georg Burkhardt / Kommissionsverlag Jan Thorbecke Konstanz / 1963