Historie

Inflation in Geislingen

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Inflation in Geislingen
1618 – 1648

Inflation in Geislingen

Einen Nutzen hatten die Münzwirren: Im Schwäbischen, Bayrischen und Oberrheinischen Kreis wurde die Rechnung nach den mittelalterlichen verschiedenwertigen Pfunden, Schillingen und Hellern oder Pfennigen jetzt verdrängt durch die Rechnung nach Kreuzern, Batzen und Zählgulden zu 60 Kreuzern. Dass die Heimzahlung von Leikapitalien unter diesen Verhältnissen eine große Rolle spielen musste, ist begreiflich. Es gab zahlreiche Währungsstreitigkeiten. Ulm selbst hatte wie alle anderen Herrschaften und Stadtgemeinden 1620/21 seine Schuldverschreibungen mit den bereits stark verringerten Münzwerten heimgezahlt, hatte also auch nicht verhindern können, dass es ihm seine Schuldner ebenso machten.

Am 18. Februar 1622 wurde im Rat vorgetragen: „Es werden bittere Beschwerden laut, dass die Zinskapitalien, insbesondere die, von denen Witwen und Waisen bisher ihren Unterhalt gehabt, von den Schuldnern heimgezahlt werden, und zwar entweder in gar schlechten oder geringen Drei- und Sechsbätznern, oder aber in Talern, die zu einem dementsprechenden, ungeheuer erhöhten Kurswert angerechnet werden, so dass nicht allein solche Witwen und Waisen, sondern überhaupt alle, die sich allein mit ihren Zinsen behelfen müssen, dem Verderben und Untergang entgegensehen, weil sie jetzt alles, was sie zur Nahrung und Notdurft brauchen, nicht allein viel höher bezahlen müssen, wären sie ihre zu gutem Münzfuß ausgeliehenen Kapitalien in einer Weise heimgezahlt bekommen, dass sie für dargeliehene 100 Gulden fast nur 14 oder 15 Gulden zurückerhalten.“

Der Rat gab daraufhin schließlich die Weisung, überall auf einen gütlichen Vergleich hinzuwirken. Etwas später erließ die Schwäbische Kreisversammlung die für ganz Schwaben gültige Norm, es solle nicht der Buchstabe der Verbriefung einer Schuld, sondern das aequun et bonum, das heißt was gut und billig sei, schließlich die Zeit des Vertrags berücksichtigt werden, „so dass niemand damit ungleich beschwert, sondern die christliche Liebe dabei überall in Acht genommen werden solle.“ Zu den Leidtragenden und keineswegs zu den Nutznießern dieser Geldwirren gehörte auch die Geislinger Sebastiansbruderschaft, in deren Geldwirtschaft ihre zum Teil erhaltenen Abrechnungen einen wertvollen Einblick gewähren.

Ihr ursprünglicher Zweck war ja die Fürsorge für das eigene Seelenheil der Brüder und Schwestern und für das der Verstorbenen aus der Bruderschaft, und zwar nach den Anschauungen und Gebräuchen der Kirche. Es ist klar, dass mit dem Wechsel dieser Anschauungen und Gebräuche in der Refomrationszeit die Bruderschaft vor eine Krise gestellt war, sofern sie sich nicht mehr in der hergebrachten Weise betätigen konnte. Über die Auseinandersetzungen innerhalb der Bruderschaft, die man bei der Schwierigkeit der Durchführung der Reformation in der Stadt annehmen muss, berichten keine Zeugnisse.

Quelle: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige – von der Vor- und Frühgeschichte bis zum Jahre 1803von Georg Burkhardt / Kommissionsverlag JanThorbecke Konstanz / 1963