Interview

Geislinger Pilotin Aylin Bayer

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Geislinger Pilotin Aylin Bayer
Frau im Cockpit

Geislinger Pilotin Aylin Bayer

Nur drei Prozent aller Piloten sind Frauen. Eine davon ist die Geislingerin Aylin Bayer.

// In ganz Deutschland gibt es weniger als 600 Pilotinnen. Was hat dich dazu bewegt, Pilotin zu werden?
Das ist eine schwierige Frage. Es war schon immer so, dass ich Herausforderungen liebe und ich einfach etwas Anderes machen wollte. Ich habe mich einfach bei einer Flugschule angemeldet und als ich dann irgendwann schließlich in einer kleinen Cessna saß, wusste ich: „Hey, das ist das, was ich machen will“.

// Welchen Rat würdest du Frauen geben, die eine Pilotenkarriere anstreben?

Ich würde mich sehr freuen, wenn mehr Frauen diesen Job machen würden. Es wird ja immer gesagt, dass dies ein Männerberuf ist und es wäre toll, wenn wir mehr wären die zeigen könnten, dass es auch Frauen können. Frauenpower!!!

// Zur Pilotenausbildung: Was sind die Voraussetzungen?
Die Voraussetzungen sind ein Abitur, auf jeden Fall ein gutes Englisch und die Gesundheit ist ein ganz wichtiger Aspekt. Die Augen sollten gut sein, es gibt ebenso gewisse Vorgaben bei der Größe und dem Gewicht. Auch im Job müssen wir jedes Jahr zum Fliegerarzt zum Check. In Mathe und Physik sollte man ebenso gut abgeschnitten haben. Meiner Meinung nach ist das Wichtigste der Wille, die Ausbildung ist nicht einfach und wer da nicht zu 100% dahinter steht, der ist auch ruck zuck draußen.

// Mit welchen Herausforderungen und vielleicht auch Vorurteilen hattest bzw. hast du zu kämpfen?
Man hat wenig Freizeit, nur der Flugschein, also die Pilotenausbildung dauert drei Jahre. Überglücklich bist du dann fertig und denkst das ist vorbei – isses aber nicht . Ich habe meinen Schein privat gemacht – also meine Fluglizenz. Danach beginnt die Suche nach einer Airline und hier wird noch einmal ordentlich aussortiert – skill test heißt die Prüfung und es wird wieder verstärkt Englisch, Mathematik und Physik geprüft. Ebenso das räumliche Denkvermögen, Kopfrechnen und so weiter. Auf all diese Dinge muss man sich vorbereiten. Irgendwann kommt dann der Simulator. Wenn dieser erfolgreich absolviert wurde kommt ein Interview mit einer Psychologin oder einem Psychologen, die/der den Bewerber noch einmal gründlich durchleuchtet. Jetzt bin ich endlich dort angekommen, also fest in der Airline, was mich bis zum heutigen Punkt fünf-sechs Jahre gekostet hat. Also das fast ohne Freizeit. Momentan muss ich sehr viel fliegen, also mit 3 Wochen Urlaub kann man jetzt zu Beginn natürlich nicht kommen. Zu den Vorurteilen: Klar gibt es viele die denken, dass eine Frau so einen Job nicht packen würde.

// Kam es schon mal vor, dass man Dich mit einer Stewardess verwechselt hat?

Viele fragen mich bei der Frage nach meinen Job wiederholt, ob ich wirklich Pilotin oder doch eher Stewardess bin. Auch in meiner Firma werde ich oft gefragt, ob ich in der Kabine bin, was ich natürlich dann mit einem klaren: „Cockpit“ beantworte.

// Meinst du, dass es für Frauen schwieriger ist, ins Cockpit zu kommen?
Nein, das glaube ich nicht. Jeder hat dieselben Voraussetzungen. Frau darf nicht schüchtern sein, sollte sich durchsetzen können und darf sich nicht vom Kapitän unterkriegen lassen, sollte also auch mal nein sagen können. Ich denke, dass das sehr neutral betrachtet wird.

// Wie reagieren die Fluggäste, wenn sie erfahren, dass eine Frau das Flugzeug steuert?
Ich habe keine Ahnung, da ich ja im Cockpit sitze. Was ich aber so mitbekomme, dann ist die erste Reaktion der Gäste: „Oh ne, ne Frau, packt die das überhaupt?“ Wenn wir durch Turbulenzen fliegen, so wurde mir zugetragen, dann denken die Gäste anscheinend, dass die Frau daran Schuld hat, was natürlich nichts mit dem Geschlecht zu tun hat.

// Wie würdest du deinen Arbeitsalltag als Pilotin beschreiben?
Ich habe auf jeden Fall keinen normalen Arbeitsalltag wie meine Freunde, die Montag bis Freitag arbeiteten und abends frei haben, ebenso das Wochenende. Ich habe meine freien Tage über den Monat verteilt, die dann mitten unter Woche sein können. Ich arbeite sonntags, nachts, am Feiertagen, komme teilweise morgens nach Hause. Also das Leben ist schwer, wenn man an den Partner, die Familie oder die Haustiere denkt. Ich habe zwei Katzen. Wer sich dafür entscheidet, sollte sich bewusst darüber sein. Auch im Bereich Sport fehlt natürlich die Routine, wer es gewohnt war, jeden Abend ein wenig zu sporteln. Man sollte sehr flexibel sein.

// Was ist für dich das Beste: Landung, Start oder das Fliegen zwischendrin?
Ganz klar die Landung. Man muss alles handlen, alles muss selbst eingestellt werden, wann setze ich meine Klappen, wann reduziere ich meine Geschwindigkeit. Wenn dann die perfekte Landung geklappt hat und die Leute hinten klatschen, dann macht mich das sehr stolz. Auch wenn der Tag super stressig war und die Laune im Keller ist, eine tolle Landung macht alles wieder wett.

// Die Flugausfälle und großen Verspätungen haben sich gegenüber 2017 praktisch verdoppelt. Was sind die Gründe dafür?
Natürlich auch die Wetterbedingungen. Schnee oder „low visibility“ können beispielsweise dazu führen, dass andere Flugplätze angeflogen werden müssen. Das kann natürlich ein Grund für Verspätungen sein. Ebenso sind heutzutage viel mehr Menschen mit dem Flieger unterwegs. Das merke ich auch selber. Die Flugzeuge heute sind fast immer ausgebucht. Es gibt mehr Flüge, was unweigerlich auch zu mehr Ausfällen führt.

// Müssen Piloten einen Alkoholtest vor dem Flug machen?
Das ist von Firma zu Firma unterschiedlich. Wenn man durch die Kontrolle geht, wird meistens nach Zufallsprinzip aussortiert und beispielsweise jeder 10. muss den Test vollziehen.

// Wie lange hat die Fluglizenz Gültigkeit?
Normalerweise ein Jahr. Ich habe jetzt die Lizenz für den Airbus 1320 und ich muss jedes Jahr im Simulator einen Check machen, der die ganzen „abnormal procedures & emergencies“ abdeckt.

// Was sind die Risiken in diesem Beruf oder auch die Nachteile?
Die kosmische Radiation und auch „solar radiation“. Für Gelegenheitsflieger, wie es die meisten Urlaubsflieger sind, ist die zusätzliche Strahlenbelastung durch das Fliegen sehr gering und gesundheitlich unbedenklich. Bei Piloten, flugbegleitendem Personal oder beruflichen “Vielflieger” kann es da anders aussehen, vor allem wenn sie häufig Langstrecken auf den nördlichen Polrouten fliegen. Ansonsten müssen wir uns wie gesagt immer fit halten, was ja auch positiv gesehen werden kann. Nachteilig sind eben auch die ungewöhnlichen Schlafrythmen.

// Was ist deine Lieblingsroute und warum?
Ich freue mich immer, wenn ich eine Route nach Stuttgart bekomme. Dort habe ich meine Ausbildung gemacht und erinnere mich sehr gerne an die Zeit in den Cessnas oder Pipers. Wenn ich dann mit einem Airbus dort lande, ist das dann natürlich ein tolles Gefühl, wenn ich die Flieger meiner Flugschule sehe und „daheim“ bin.

// Wie balancierst du dein privates und berufliches Leben?
Es ist nicht einfach. Ich sehe meine Eltern wenn es hoch kommt einmal im Monat. Entweder ich komme nach Geislingen oder sie besuchen mich irgendwo. Ansonsten gibt es ja Gott sei Dank Facetime und Skype. Es ist natürlich schwer, einen Partner zu finden, der das Ganze mitmacht, da habe ich aber großes Glück. Er hat sich daran gewöhnt und kennt nichts anderes. Wenn ich daheim bin, dann liege ich gerne einfach nur nichts tuend auf dem Sofa und freue mich eben daheim zu sein.

// Fliegst du lieber nachts oder am Tage?
Ich mache beides sehr gerne. Beim Tagflug ist der Vorteil, dass ich morgens ganz normal aus dem Haus gehen kann, meinen Job mache und abends zu Hause bin. Beim Nachtflug ist es der Nachteil, dass dann, wenn man normalerweise müde wird, der Arbeitstag beginnt und man morgens müde nach Hause kommt. Den ganzen Tag zu schlafen macht natürlich auch nicht so viel Spaß. Allerdings sehen nachts die Lichter viel schöner aus. Die Landebahnen, die Städte usw.

// Nimmst du das Flugzeug, wenn du Urlaub machst?
Ja, das mache ich, ich fliege sehr gerne. Es ist schneller und bequemer. Ausser in Deutschland von Stuttgart nach München oder Frankfurt nehme ich den Zug oder das Auto, da sich das zeitlich nicht rentieren würde. Ansonsten würde ich immer das Flugzeug vorziehen, da dieses Transportmittel im Gegensatz zum Auto oder zum Zug viel viel sicherer ist.