Interview

Interview mit Bernhard Lehle

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Interview mit Bernhard Lehle
„Bele erzählt aus dem Leben eines Müllmanns“

Interview mit Bernhard Lehle

Lieber Bele,
vielen Dank für deine Zeit so kurz vor Weihnachten.

// 50 % von uns haben an der Hochschule hier in Geislingen Energie- und Recyclingmanagement studiert, der damals liebevoll genannte Abschluss hieß „Diplom Müllmann“ – ein sehr interessantes Fachgebiet. Jetzt wird dieses Thema ja immer interessanter und auch präsenter – aber das weißt du ja am besten. Du bist Betriebsleiter bei der ETG GmbH, die auch mit dem Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Göppingen zusammenarbeitet. Für was steht ETG und was macht ihr genau?

ETG ist die Abkürzung für Entsorgungs- und Transportgesellschaft. Wir sind der Entsorgungsteil in der Gruppe DU-Willkommen in der Umwelt. Wir kümmern uns um den klassischen Müllabfuhrbereich. Dazu gehört die Haus- und Sperrmüllabfuhr sowie die Sammlung von Grünabfällen und Elektroschrott im Auftrag des Landkreises. Wir leeren die Papiertonnen der Firma Fetzer und wir sammeln Gewerbeabfälle aller Art bei Firmen, Gaststätten, Krankenhäusern und Pflegeheimen. Weitere Firmen in der Gruppe sind Fetzer Rohstoffe und Recycling, deren Schwerpunkt Papier, Kartonagen und Folien sind, die MRG Metall Recycling Göppingen und die PET Recycling GmbH, die eine Anlage zur Aufbereitung von PET-Flaschen betreibt.

// Zu den Hausmüllabfuhren: Wie viele Fahrzeuge habt ihr, um doch ein relativ großes Gebiet abzudecken?
Für die klassische Hausmüllabfuhr haben wir 10 Müllautos. Davon 5 Hecklader, bei denen die Mülltonnen von einem Entsorger hinten in das Fahrzeug gekippt werden. 5 Seitenlader, die von einem einzelnen Fahrer bedient werden, der vom Fahrersitz, der hier rechts ist, die Tonnen mit einem Greifarm in das Müllauto kippt. Um den Sperrmüll und die Grünmasse zu sammeln haben wir noch weitere 4 Pressfahrzeuge mit einem großen Einwurf am Heck.

// Was könnten die Menschen tun, um den Müllwerkern, umgangssprachlich Müllmännern, den Beruf zu erleichtern?
Ganz wichtig ist, dass sie ihre Mülltonnen richtig an den Straßenrand stellen. Vor allem bei den Seitenladern müssen die Tonnen mit der Öffnung zur Straße stehen, sonst müssen die Kollegen aussteigen und die Tonne drehen. Das Aussteigen aus den LKWs ist anstrengend und kostet viel Zeit. Natürlich dürfen die Tonnen nicht hinter parkenden Autos oder sonstigen Hindernissen stehen.

// Über welche Dinge im Müll wundert ihr euch besonders?
Wundern tun wir uns schon lange nicht mehr, und die Kollegen können auch nicht alle Tonnen kontrollieren, aber für mich war das Kurioseste zwei tote Würgeschlangen, die im Hausmüll waren. Sehr gefährlich ist es wenn heiße Asche im Mülleimer ist. Hier hatten wir schon etliche Brände in den Müllautos und müssen dann den Müll auch mal sofort auf der Straße abladen

// Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik: Die Menschheit müllt sich zu. Allein jeder Deutsche wirft pro Jahr 627 Kilogramm weg. Was können wir besser machen?

Dieses ist eigentlich alles im Kreislaufwirtschaftsgesetz geregelt. Das wichtigste ist vor allem die Vermeidung des Mülls. Hier können die Bürger durch bewusstes, verpackungsarmes Einkaufen am meisten ausrichten. Es muss auch nicht alles gleich weggeschmissen werden, wenn etwas nicht mehr gefällt oder gebraucht wird. Über Tauschbörsen oder Flohmärkte, die es ja auch im Internet gibt, kann man Sachen weitergeben, die dann jemand anderes weiterverwenden kann.

Der Umweltstammtisch mach einmal im Jahr einen Warentauschtag der genau das umsetzt. Und wenn es dann schon in den Müll fliegt, sollte man sich Gedanken machen, dass die Stoffe ordentlich getrennt werden. Es gibt für alles ein Sammelsystem: Papier, Verpackungen, Glas, Metall und auch Speisereste und Bioabfälle. Diese machen tatsächlich 30% der Abfälle aus. Bei uns im Landkreis Göppingen werden davon aber nur 5kg pro Bürger, das sind weniger als 3 % des Hausmülls, eingesammelt und zu Biogas vergoren.

// Alle bestellen heute bei Amazon und werfen dementsprechend viel Papier weg. Passt ihr eure Fahrten diesem „exponentiell gewachsenen Problem“ an?

Ja natürlich. Die Mengen an Papier und Kartonagen steigen ständig. Wir merken das an der Anzahl der ausgegebenen Papiertonnen und den Leerungen der Kartonagebehälter auf den Wertstoffhöfen.

// In den Medien wird immer wieder das Problem der plastikverseuchten Ozeane aufgezeigt, der ein oder andere Urlauber wird selbst Zeuge verschmutzter Strände: Die Frage ist, wer denn die Hauptverursacher für die Verunreinigungen sind und wie der Plastikmüll den Weg in die Weltmeere und an die Traumstrände findet?

Im Fall der riesigen Plastikinseln die im Meer treiben haben sicher nicht die Deutschen die Hauptschuld. Durch weggeworfenen Müll auf der Straße produzieren wir aber genauso Mikroplastik, das über die Flüsse und auf den Wiesen und Feldern in die Nahrungskette gelangt. Der größte Teil an Mikroplastik in Deutschland entsteht durch Reifenabrieb auf den Straßen. Ca 120.000 Tonnen/Jahr. Das Plastik wird von Land aus über Flüsse in die Meere eingetragen. Dies passiert vor allem in den Ländern, in denen die Sammlung von Abfällen nicht richtig funktioniert. Einen Schwerpunkt bilden dabei die Länder Südostasiens. Aber auch in Europa gelangt noch viel zu viel Plastik auf diesem Weg in die Meere.

// Fast die Hälfte des Verpackungsmülls in Deutschland wird verbrannt statt wiederverwertet, wieso?

Solange der Verpackungsmüll nicht sauber getrennt wird und in der schwarzen Tonne landet, wird er natürlich mit dem Restmüll verbrannt. Nur bei einer sauberen Trennung z.B. Verpackung in den gelben Sack und nicht in die Mülltonne, haben auch die Sortieranlagen, die die verschiedenen Plastiksorten weiter trennen können, eine Chance.

// Es gibt das Gerücht, es werde so viel Müll aus der Gelben Tonne verbrannt, weil es Überkapazitäten bei den Müllverbrennungsanlagen gibt. Ist dies noch so?

Du sagst es richtig: Es ist ein Gerücht. Verbrannt wird nur was als Müll im gelben Sack landet, z.B. Zahnbürsten, Blumentöpfe Spielsachen. Diese können nicht recycelt werden und kommen deshalb in die Müllverbrennung. Man rechnet hier mit einem Anteil von bis zu 40%.

// Altglasentsorgung: leere Getränkeflaschen, Marmeladengläser, Parfümfläschchen. Sie alle gehören ins Altglas. Haben wir verstanden! Aber wohin mit der blauen, roten oder gelben Flasche?

Es werden die Glasfarben braun, weiß und grün in den Glasiglus gesammelt. In dieser Reihe ist auch ihr Wert. Buntes Glas gehört deshalb ins Grünglas. Dort machen die Fehlfarben am wenigsten Probleme. Deckel und Flaschenkappen gehören nach dem Prinzip der stofflichen Trennung zwar zu den Metallen oder als Plastikkappe zum Restmüll, können aber ruhig drauf bleiben. Die Anlagen kriegen das raussortiert. Die Flaschen und Gläser müssen auch nicht sauber sein. Vor dem Einschmelzen wird alles nochmal gewaschen. Voll sollten die Gläser allerdings nicht mehr sein. Glasscheiben gehören wie Porzellan zum Bauschutt. Richtig heiß der Reststoff „Mineralische Abfälle“ und wird entweder deponiert oder zu Schüttmaterial aufbereitet. Seit diesem Jahr stehen in allen Wertstoffhöfen Container oder Big-Bags, in denen kleine Mengen mineralischer Abfälle kostenlos entsorgt werden können.

Als abschließendes Plädoyer möchte ich alle aufrufen, Abfälle wo es geht zu vermeiden. Denkt schon beim Einkaufen an den Müll den ihr verursacht. Werft nichts auf den Straßen und in die Natur. Entweder muss es irgendein armer Kerl wieder aufräumen oder es bleibt als Müll ewig liegen. Seid gute Vorbilder und zeigt euren Kindern, wie man’s richtig macht.

Damit gefährdet ihr auch keine Arbeitsplätze, denn Müllmänner haben auch als Wertstoffsammler noch genug zu tun.

Vielen Dank dir!