Interview

Interview mit Bernhard Stadelmayer

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Interview mit Bernhard Stadelmayer

Die Sicht eines Blinden

30 Jahre alt, ursprünglich aus der unteren Roggenmühle, mittlerweile seit 2006 wohnhaft in Marburg, wo er nach dem Abitur sein Jurastudium erfolgreich absolviert hat. Alles ganz normal, bis auf den Unterschied, dass er nichts sieht. Bernhard war gegen das Abdrucken seines Bildes – deshalb anstelle des gewohnten Portraits in dieser Ausgabe eine Zeichnung.

// Grüß dich Bernhard, vielen lieben Dank, dass du mitmachst und bitte entschuldige, falls die ein oder andere Frage vielleicht etwas unhöflich erscheint. Als blind gilt, wer gar nichts sieht oder ein Sehvermögen von unter zwei Prozent hat. Tatsächlich haben also viele Blinde noch ein Restsehvermögen, mit dem sie hell und dunkel unterscheiden können. Wie ist das bei dir?

Ich sehe gar nichts. Ich bin so auf die Welt gekommen und habe nie mehr oder weniger gehabt als jetzt und werde auch nie mehr haben. Oft werde ich gefragt, ob ich nur dunkel sehe – nein, ich sehe gar nichts. Wie bei einem Tauben, der hört auch keine Stille, sondern einfach gar nichts, es ist nicht existent.

// Wir haben ja schon über Facebook hin und hergeschrieben – wie machst du das?

Ein Blinder kann mit verschiedenen Technologien Handys und PCs bedienen. Eine davon nennt sich Bildschirmleser oder Screenreader. Beim PC wird alles vorgelesen, was auf dem Bildschirm steht. Den PC bediene ich ausschließlich über die Tastatur, nicht über die Maus, damit sind fast alle Programme zugänglich, Microsoft Office zum Beispiel. Als Blinder kann man Musik hören, komponieren oder auch einige Spiele spielen, die mit der Akkustik und mit der Tastatur spielbar sind. Alles an Tastaturangaben wird angesagt. Ich kann sowohl Apple, Linux wie auch Windows-Rechner bedienen – also alle gängigen Systeme. Beim Smartphone, egal ob Android oder Apple, fahre ich mit dem Finger über die Tastatur und das System sagt mir alles an und wo ich mich gerade befinde.

// Wie kaufst du ein?

Online und normal –ich wohne seit 14 Jahren in Marburg und hier im Supermarkt gehört es dazu, dass dem Blinden eine Einkaufshilfe gestellt wird. Ich sage was ich möchte oder zeige meinen Einkaufszettel und die Einkaufshilfe führt mich durch die Gänge ist dann auch so nett und liest mir vor, was es so alles gibt. Ich zahle gerne mit der Apple-Watch, kann aber natürlich auch bar zahlen. Viele Euromünzen haben tastbare Unterscheidungsmerkmale. Bei den Scheinen mach ich es am Format fest, was ich gerade in der Hand habe. Aber ich bevorzuge das Zahlen mit der Karte – da muss ich nicht so sehr darauf achten, was ich im Portmonee habe und kann mir online auch gleich via App den Kontostand vorlesen lassen.

// Wie kann ein Blinder lesen und schreiben?

Beim Lesen gibt es die Punktschrift – dazu hilft die moderne Variante – die Braillezeile. Das ist ein Computerausgabegerät, welches Zeichen in Blindenschrift übersetzt. Umgekehrt gibt es die Punktschriftmaschine. Eine Punktschriftmaschine besitzt nur sechs beziehungsweise acht Schreibtasten. Ähnlich wie eine Schreibmaschine, aber mit weniger Tasten. Da es aber immer mehr Hörbücher gibt, wird die Schrift leider immer unwichtiger …

// Wie sehen blinde Menschen fern?

Ich habe keinen normalen Fernseher, da es mir nicht auf einen großen Bildschirm ankommt. Also schau ich mir alles mit dem iPhone an, sei es Netflix usw. … Oder ich nutze die Mediatheken. Die Filme in den öffentlich-rechtlichen Sendern bringen eine zweite Tonspur mit und dann höre ich mir die Filme quasi an. Bei dialoglastigen Filme komme ich auch so mit.

// Hast du als erblindete Person Wünsche oder Anliegen, wie sehende Menschen mit dir umgehen sollten?

Ja, ich möchte normal behandelt werden, ich möchte angesprochen werden, ich möchte davor gefragt werden, bevor mir geholfen wird. Wer in einen Raum reinkommt und nichts sagt, den gibt es für mich nicht. Hören ist mein funktionierender Sinn. Sehende sollten also aufmerksamer durch die Gegend laufen und sich in Anwesenheit eines Blinden auch gerne räuspern als Zeichen eines: „Hallo, hier bin ich.“ Ich laufe öfters in Menschen hinein, weil die Leute nicht auf sich aufmerksam machen. Ich entschuldige mich dann zwar, aber eigentlich ist das nicht mein Fehler …

Man kann sagen, hallo hier sitze ich oder so. Mir ist auch sehr wichtig, dass man uns mehr zutraut. Viele Sehende können es sich nicht vorstellen, etwas zu tun ohne zu sehen. Das ist schön und gut, aber nur weil man es sich nicht vorstellen kann, heißt es noch lange nicht, dass es auch nicht geht. Diese subjektive Vorstellung nimmt mir die Möglichkeit, es zu zeigen, dass ich es doch kann. Sei es im Vorstellungsgespräch oder sonst wo. Man sollte hinterfragen ob es geht. Gut wäre, sich von uns vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Hinterher kann man immer noch sagen – „Hey, der ist für den Job nicht geeignet.“ Wir sind Menschen, die zwar nicht sehen, aber dennoch individuell sind!

// Was ist deine Meinung zu den Hilfestellungen in der Öffentlichkeit? Reichen diese aus, um blinden Menschen zu helfen?

Es kommt drauf an – ich kann sagen, wenn ich mich verlaufen habe, hat mir immer jemand geholfen. Es gibt Menschen die helfen, aber es gibt natürlich Optimierungspotential. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen aufmerksamer durch die Stadt gehen und mehr auf Blinde achten.

// Ist es für dich schwer, dich zu orientieren?

Ich orientiere mich an Bürgersteigen, die sind unterschiedlich breit oder schmal, es gibt unterschiedliche Bodenbeläge, sei es Asphalt oder Pflasterstein, manchmal geht es bergauf oder bergab. Auch kann man Ausfahrten oder Querstraßen zur Orientierung nutzen. Dazu muss man viel auswendig lernen.

// Treibst du Sport und welche Hobbys hast du?

Sport nicht wirklich, ich war mal im Fitnessstudio, treffe mich gerne mit Freunden, beschäftige mich mit Computern, gehe gerne ins Kino und reite manchmal. Wenn der Blindenverein Ausflüge anbietet, gehe ich da auch ab und zu mit. Manchmal erkläre ich vor allem älteren Blinden, wie ihr iPhone funktioniert.

// Musst du deiner Meinung nach auf vieles verzichten?

Das hängt ganz darauf an, wo man wohnt. Hier in der Stadt kann ich, wie oben schon angesprochen, meine Einkäufe weitgehend selbstständig erledigen. Wenn man aber für jeden kleinen Einkauf auf ein Auto angewiesen ist, so bin ich ungleich öfter auf Hilfe angewiesen und natürlich auch davon abhängig, wann mir geholfen werden kann. Aber eigentlich nicht – es ist bestimmt praktisch, sehen zu können aber es geht auch ohne – also es muss gehen.

// Was interessiert dich am meisten an der „sehenden Welt“?

Nichts. Ich kann ja immer fragen. Dadurch, dass ich nichts vermisse, fehlt mir nichts. Manchmal, aber ganz selten, würde ich auch mal gerne in den Himmel schauen, aber auch diese Anwandlung habe ich sehr selten.

// Thema Corona: Man sollte ja 1,5 Meter Abstand waren, wie machst du das?

Das ist schwierig einzuhalten. Ich mache manchmal eine Schritt zurück und versuche den Abstand einzuschätzen. Corona ist eine Herausforderung. Vor allem, weil man mit der Maske schlechter verstanden wird. Möglichst wenig anzufassen ist für einen Blinden ebenso schwierig. Aber Corona hat auch einen Vorzug, nämlich dass die Akzeptanz von technischen Methoden zugenommen haben, sei es das mobile Bezahlen oder Konferenzen übers Telefon oder Video.

// Was für Möglichkeiten stehen für dich berufstechnisch bereit?

Ich habe Jura studiert. Blinde können jegliche Art von Bürojob annehmen, alles was mit dem Computer zu tun hat, aber beispielsweise auch Physiotherapeut oder Fachinformatiker werden. Ich kenne eine Blinde, die studiert deutsch und englisch auf Lehramt – das ist im Gymnasium gut möglich, weil da die Schüler einigermaßen auf ihren Stühlen sitzen bleiben

// Hat sich durch das Blindsein von den anderen Sinnen wie hören z.B. etwas verstärkt?

Mein Hören ist nicht besser als von anderen, aber ich konzentriere mich mehr aufs Hören.

// Findest du Blindenwitze lustig …?

Manchmal muss ich schmunzeln … Wenn sie gegen mich direkt gerichtet sind dann natürlich nicht.

// Hast du noch ein paar Abschlussworte?

Wie bereits gesagt wünsche ich mir mehr Chancen, ebenso, dass wir es auf dem Arbeitsmarkt leichter haben. Auch wünsche ich mir, dass mehr Produkte für Blinde zugänglich sind. Ich will kein Bittsteller sein, sondern einen Anspruch haben, gesetzlich einen Anspruch auf Barrierefreiheit – den gibt es bisher aber nur für öffentliche Leistungsträger …

// Wieder zurück nach Geislingen?

Nein, perspektivisch eher nicht – ich plane hier zu bleiben, wenn die Wohnsituation es erlaubt. (Anmerkung der Redaktion: Nach dem Ersten Weltkrieg kamen allein nach Marburg 3000 Soldaten in die Augenklinik der Universität, in Marburg wurde auch die Blindenstudienanstalt – kurz „Blista“ gegründet. Heute gilt die Stadt mit am blindenfreundlichsten in Deutschland.) Hier gibt es an jeder Bushaltestelle eine Taste, die sagt mir die Uhrzeit an, wann der nächste Bus kommt und wo er hinfährt. Es gibt an vielen Stellen in der Stadt in den Boden eingelassene Leitstreifen, die uns dorthin führen, wo wir hinwollen. Ich komme ursprünglich von der unteren Roggenmühle, da war das Internet immer ziemlich schlecht, und da ich darauf angewiesen bin ist das essenziel. Es gibt einige Restaurants hier, die eine Punktschriftspeisekarte haben. Falls das nicht zutrifft, werden mir aber fast immer die Speisen vorgelesen oder ich kann auf eine Speisekarte im Internet zugreifen, die mir mein iPhone vorließt.

 

Titelbild: rastudio  |  123RF.com