Interview

Interview mit dem Geislinger Michael Herrlinger – Vorstand der Bonsai-Freunde Staufen e. V.

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Interview mit dem Geislinger Michael Herrlinger – Vorstand der Bonsai-Freunde Staufen e. V.

Die Kunst der Miniatur

Michael Herrlinger ist seit 34 Jahren Hobbyist und eingetragener Lehrer an den japanischen Hamano-Schulen.

// Lieber Herr Herrlinger, Sie sind Vorstand der Bonsai-Freunde Staufen e.V.. Wie viele Mitglieder umfasst der Verein und was macht man in einem Bonsai Verein?

Wir sind 13 eingetragene Mitglieder und aktuell schnuppern 3 Interessenten ein Jahr lang im Verein. Unser Einzugsgebiet beträgt ca. 50 km. Wir sehen uns auch nicht als lokalen Verein, sondern für den Großraum Göppingen. Unsere Aktivitäten sind weitgefächert.

Wir arbeiten gemeinsam an unseren Bäumen. Pflegen aber auch die Geselligkeit. Besuchen Ausstellungen in ganz Europa. Fliegen auch mal nach Japan ins Land der aufgehenden Sonne. Veranstalten Workshops für Anfänger oder belegen selbst Workshops bei den Profis aus der Bonsai-Szene. Theorie-Schulungen stehen auch auf dem Programm. Theaterbesuche und Grillfeste gehören ebenso zum Jahres-Programm wie Weiterbildungen.

// Was genau bedeutet der Begriff ’Bonsai’?

Bonsai ist abgeleitet vom chinesischen Punsai oder auch Penjing. In Japan steht das Wort Bonsai für „Baum in der Schale“.

// Mitte der Achtziger kam der große Trend auch nach Deutschland – lustigerweise auch durch die Filmreihe Karate Kid mit Mister Miyagi – wann wurden Sie von der Faszination „kleiner Baum“ gepackt?

Bereits in den Siebzigern gab es eine kleine Bonsai-Szene in Deutschland. In den Achtzigern wurde das Thema etwas populärer. Viele Impulse entstanden im Bonsai-Museum in Heidelberg. Ich bekam meinen Impuls aus einer Zeitung, heute kann ich nicht einmal mehr sagen, was es für eine war. Da standen 3 oder 4 Bäume auf einer Terrasse und es war Liebe auf den ersten Blick.

Meine Frau schenkte mir zum Geburtstag den ersten Baum, einen Zimmer-Bonsai, den ich dann in 3 bis 4 Monaten tot-pflegte. Der Wechsel zum Freiland-Bonsai kam dann durch die Gründung des Vereins 1987 zustande. Und es ist bis heute auch bei den Freiland-Bonsai geblieben.

// Was macht einen guten Bonsai aus?

Die Arbeit an der Pflanze, das Alter, der Ausdruck, die Harmonie. Und das Zusammenspiel mit der Bonsai-Schale.

// Wie alt kann ein Bonsai-Baum bei guter Pflege werden?

In China wird Bonsai seit 2000 Jahren als Kunst bzw. Hobby betrieben. In Japan werden Bäume seit Generationen in der Familie weiter gereicht, daran sieht man wie alt ein Bonsai sein kann. Das älteste Exemplar, das ich je sah, war 700 Jahre in der Schale kultiviert. Aber ich bin mir sicher, dass es auch ältere Bäume gibt. In der Natur gibt es ja auch Bäume, die über 3000 Jahre alt sind.

// Sind diese Bäume dann von Natur aus so klein geblieben ohne das Zutun eines Menschen?

Der Bonsai ist keine genetische Manipulation. Der Baum wird durch die Bearbeitung des Menschen und durch die Größe des Gefäßes gesteuert. Würde man einen Bonsai in den Garten setzen, wird er mit Sicherheit wieder seine genetische Größe erreichen.

// Ist es möglich, praktisch aus jedem Baum einen Bonsai zu machen, z.B. auch aus einer Eiche?

Prinzipiell ist jede Pflanze die verholzt zum Bonsai geeignet. Die einen mehr, die anderen weniger. Es gibt bei uns im Verein z.B. auch Kastanien. Auch sollte man mit dem Irrglauben aufräumen, dass nur Pflanzen, die aus Asien kommen, für die Bonsai-Gestaltung geeignet sind.

// Welche Rolle spielt der Bonsai im Leben der Japaner?

Bäume werden ja oft über Generationen hinweg weitergegeben. Heute ist der Bonsai in Japan tief in der Historie und in den Familien verwurzelt. In Japan gibt es Bonsai-Händler, wie es bei uns Blumenhändler gibt. Auch gibt es in vielen Familien einen Familien-Baum, der an einem Ehrenplatz aufgestellt und gepflegt wird. Der Stellenwert des Bonsai zeigt sich in Japan auch daran, dass die Kaiser-Familie die wichtigsten Ausstellungen besucht. Und auch der Staat engagiert sich z. B. durch Verleihungen von Auszeichnungen durch verschiedene Ministerien.

// Was sollte ein Interessierter bedenken, der sich zum ersten Mal einen Bonsai-Baum anschaffen möchte?

Gewisse gärtnerische Grundlagen sollten vorhanden sein. Die Liebe zur Natur. Bonsai ist an jedem Tag Arbeit. Möchte ich mich mit einem Zimmer-Bonsai oder einem Freiland-Bonsai beschäftigen? Und wo besorge ich mir die ersten Pflanzen für meine ersten Schritte? Meine Empfehlung ist die Beschäftigung mit Freiland-Bonsai. Und dies hat gewichtige Gründe.

// Wie viele und welche Bäume werden von Ihnen derzeit kultiviert?

In meinem Garten stehen aktuell 65 Bäume. Ich gebe aber jedes Jahr zwischen 5 und 10 Bäume ab. Dadurch versuche ich meine Qualität zu steigern und Platz für neues Material zu schaffen. Ich bin sehr breit aufgestellt, habe aber auch meine Lieblingspflanzen (Lärchen und Oliven). Des Weiteren stehen in meinem Garten Azaleen, Waldkiefern, Wacholder, Bergkiefern, Quitten, Schwarzkiefern, Buchen, Eiben und Ahorn.

// Wie hoch sind die Kosten für die Pflanze und das benötigte Werkzeug und mit welchem Zeitaufwand muss man rechnen?

Der Zeitaufwand misst sich an der Anzahl der Pflanzen und wie viel Zeit ich in die Gestaltung investieren will. Ich kann mir einen „fertigen“ Bonsai kaufen oder in der Baumschule einen geeigneten Container für 30 bis 50 Euro erstehen. Es gibt spezielle Werkzeuge für die Bonsai-Pflege und Gestaltung. Dieses wird aber am Anfang nicht unbedingt benötigt. Das Werkzeug kann man sich später, wenn man sich sicher ist, dass man beim Hobby Bonsai bleiben will, anschaffen. Ich bin gerne bereit, alle Interessierten über Pflanzen, Werkzeug, Literatur und Grundlagen zu beraten.

// Gibt es eigentlich typische Charakterzüge, die alle Bonsai-Liebhaber haben?

Ein paar wenige Auffälligkeiten gibt es in der Szene schon. In vielen Vereinen oder Arbeitskreisen sind es mehr Männer als Frauen. Eine starke Verbundenheit zur Natur. Bei uns im Verein kochen sehr viele Mitglieder (das kann aber Zufall sein). Und meistens gibt es noch Verbindungen zu anderen künstlerischen Tätigkeiten. Ikebana, Kalligraphie, Malen, Zeichnen, Haltung von Koi, ect.

// Was würden Sie einem Bonsai-Einsteiger für Tipps auf den Weg geben?

Ich habe geschätzt die ersten 15 Jahre in meinem Hobby ohne Informationen gearbeitet (es gab zu dieser Zeit sehr wenige Informationen und nur wenige und zum Teil schlecht übersetzte Bücher auf dem Markt, die Anzahl kundiger Menschen ließ sich an einer Hand abzählen). Aus diesem Grund ist mein wichtigster Tipp: In ganz Deutschland gibt es heute Vereine, Arbeitskreise, Bonsai-Lehrer und sehr gute Literatur. Diese Grundlagen sollte man unbedingt nutzen.