Interview

Interview mit Dieter Taller

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Interview mit Dieter Taller

Chef des Geislinger Polizeireviers

Erster Polizeihauptkommissar Dieter Taller ist seit März offiziell der Chef des Geislinger Polizeireviers.

// Herr Taller, vielen Dank für Ihre Zeit, konnten Sie sich schon ein bisschen einleben?

Ja, es wurde mir hier von den Kolleginnen und Kollegen des Polizeireviers Geislingen, sowie den Behörden, der GZ und den vielen anderen Bürgerinnen und Bürgern, zu denen ich schon Kontakt hatte, sehr leicht gemacht. Ich wurde offen und sehr herzlich aufgenommen.

// Was hat Sie an der Stelle in Geislingen gereizt?

Ich bin ehrlich. Es kam doch sehr überraschend, da mein Vorgänger Polizeioberrat Jens Rügner doch schneller als gedacht nach Stuttgart gerufen wurde. Nachdem ich jedoch gefragt wurde, war für mich klar, dass ich mich gerne der Verantwortung stelle. Es ist zwischenzeitlich nicht mehr unbedingt üblich, dass einem im gehobenen Dienst solch eine Stelle, bei einem Polizeirevier in dieser Größe angeboten wird.

// Die letzten Monate waren von Corona geprägt, wie hat sich dies auf die Kriminalitätszahlen ausgewirkt? Zumindest die Anzahl der Einbrüche sollte ja eigentlich zurückgegangen sein?

Das ist richtig. Die Anzahl der Tageswohnungseinbrüche ging zurück. Dafür war jedoch eine deutliche Steigerung im Bereich der Cyberkriminalität, der Betrugsstraftaten „falscher Polizeibeamter“, Körperverletzungsdelikte und Beleidigungen zu verzeichnen.

// Können sich die Bürger denn in Geislingen sicher fühlen?

Da kann ich bedenkenlos JA sagen. Im Vergleich zu anderen vergleichbaren Städten ist die Kriminalitätsbelastung in Geislingen/Steige nicht höher, aber es gibt dennoch Entwicklungen, die uns zum frühzeitigen Handeln veranlasst haben. Wo sich Probleme entwickeln, reagieren wir in Abstimmung mit unseren „Partnern“ ganz gezielt.

// Würden Sie heute wieder Polizist werden?

Obwohl ich zuvor im Ostalbkreis Vermessungstechniker gelernt habe, diesen Beruf auch 1 ½ Jahre nach der Ausbildung noch ausgeübt habe, war es damals die richtige Entscheidung, den Beruf des Polizeibeamten zu wählen. Somit JA.

// Was war Ihr einschneidenstes Erlebnis?

Hier gibt es doch einige. Zu nennen sind hier unter anderem: die Demonstration „Pershing“ in Mutlangen in doch sehr jungen Jahren als Polizeibeamter, die leider doch zu vielen Verkehrsunfälle mit schweren Verletzung bzw. tödlichem Ausgang, die vielen Kapitaldelikte, die man im Laufe der Tätigkeit im Streifendienst erlebt hat. Zuletzt waren es die Demonstrationen in Göppingen „Rechts“ in den Jahren 2012 – 2014, bei denen ich im Organisationsstab mitgewirkt habe.

// Haben denn Angriffe auf die Polizei in der Pandemie zugenommen?

Dies ist nicht erst seit der Pandemie so. Vor allem die Kolleginnen und Kollegen des Streifendienstes, die immer an vorderer Linie tätig sind, werden bei ihren Einsätzen immer öfters verbal wie auch körperlich angegangen.

// Meiner Meinung nach muss sich die Polizei viel zu viel gefallen lassen. Letzten Sommer sind plündernde Horden junger Männer durch Stuttgart gezogen, haben etliche Polizeifahrzeuge zerstört und Polizeibeamte verletzt. Fühlen sich Polizisten derzeit in Deutschland noch sicher angesichts derartigem Hass gegen die Beamten?

Wir fühlen uns sicher, vermissen aber oft auch die Unterstützung und die Anerkennung von außen für unsere doch nicht immer einfache Arbeit.

// Ich bin neulich durch Zufall in die Nähe einer Demonstration gekommen und habe entsetzt mitbekommen müssen, wieviel Ignoranz und Provokation der Polizei teilweise entgegenschlägt. Bringt es in solchen Fällen etwas, mit den Leuten zu sprechen und das Vorgehen zu erklären oder stumpft man da einfach irgendwann ab?

Die Polizei hat bei solchen großen Einsätzen immer Beamtinnen und Beamte eines Anti-Konflikt-Teams vor Ort. Diese versuchen den Kontakt aufzunehmen und die polizeilichen Maßnahmen transparent zu erklären. Ein Dialog der einzelnen Beamtinnen und Beamten ist in der Regel nicht erfolgsversprechend

// Es wird immer schwieriger, den Menschen zu erklären, dass man bei einer Ansammlung von drei oder fünf Personen im Park sanktioniert wird. Wie schaffen Sie das nach dieser langen Zeit immer noch, die Menschen zu motivieren?

Hier ist eine gute Kommunikation gefragt, die meistens auch bei den Betroffenen ankommt. Die Kolleginnen und Kollegen sind hierbei sehr geduldig.

// Hat sich durch Ihren Beruf als Polizist auch Ihr Blick auf die Gesellschaft verändert?

Als Polizeibeamter hat man auch Einblick in alle Facetten der Gesellschaft. Im Nachgang ist dies doch oftmals erschreckend, was es teilweise für Abgründe gibt. Dies ist jedoch mein persönliches Empfinden.

// Ihr Vorgänger Jens Rügner wie auch Sie selbst sind sehr positive und freundliche Menschen. Als Polizist wird man allerdings überwiegend mit dem Schlechten in der Welt konfrontiert, wie schaffen Sie es dennoch, das Gute nicht zu vergessen?

Die Welt und die darauf lebende Bevölkerung ist nicht schlecht. Nur ein ganz geringer Teil beschäftigt die Polizei. Leider ist es halt so, dass man sich diese negativen Dinge aber besonders merken kann bzw. diese eher im Gedächtnis bleiben.

// Sie sind begeisterter Radler und radeln, wenn das Wetter und die Zeit es zulassen, gerne aus Ihrer Heimat Ottenbach die 18 Kilometer nach Geislingen… Wie gestalten Sie sonst noch Ihre Freizeit?

Neben dem Radeln bin ich gerne mit meiner Frau und meinen zwei Söhnen zusammen, trainiere ich die Aktive Fußballmannschaft des TSV Ottenbach, reise ich gerne, trinke gerne ein Gläschen Rotwein mit Freunden und bin nicht abgeneigt, gut essen zu gehen