Interview

Interview Dr. Hüttner Helfenstein Klinik

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Interview Dr. Hüttner Helfenstein Klinik

Medizinischer Geschäftsführer der Helfenstein Klinik

// Sehr geehrter Herr Dr. Ingo Hüttner, der Coronavirus hat uns fest im Griff. Vielen Dank dennoch für Ihre Zeit und die Möglichkeit, unsere Leser ein wenig aufzuklären. Wie sieht die Vorgehensweise in Geislingen aus und wie sehr wird sich an die Vorgaben des Robert Koch-Institutes gehalten?

An den ALB FILS KLINIKEN, also in der Helfenstein Klinik in Geislingen und in der Klinik am Eichert in Göppingen, gibt es einen Besuchsstopp, Notfallpatienten können nur in Ausnahmefällen von Angehörigen begleitet werden, die Zugänge zu den Kliniken und die Wege in den Häusern sind reglementiert. Allein durch diese Maßnahmen sind jetzt deutlich weniger Menschen im Haus, was die Ansteckungsgefahr erheblich reduziert hat. Das Personal kann sich so intensiver um die Patienten kümmern. Die Hinweise des Robert Koch Instituts sind uns dabei eine wichtige Orientierungshilfe.

// Auf welche Ressourcen kann bei Ansturm zurückgegriffen werden?

Wir haben bereits selektive Eingriffe, also geplante Eingriffe, die keine medizinische Dringlichkeit haben, verschoben sowie Sprechstunden- und Ambulanzzeiten reduziert. Dadurch haben wir für den möglichen Ansturm mehr Räumlichkeiten und Personal zur Verfügung. Auch haben wir schon mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen aus Medizin und Pflege, die in den Ruhestand gegangen sind, Kontakt aufgenommen. Einige davon sind gerne bereit, in dieser Ausnahmesituation auszuhelfen.

// Was halten sie von den Maßnahmen, soziale Kontakte zu minimieren?

Das Bemühen ist ja, dass die Infektionszahlen nur langsam steigen und nicht explosionsartig, da sonst das Gesundheitswesen an seine Grenzen stoßen würde. Da die Übertragung des Virus hauptsächlich durch einen engen Kontakt mit einem Infizierten geschieht, ist es geboten, soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Das verringert zum einen die persönliche Gefahr einer Ansteckung und schützt zum anderen das Gesundheitswesen vor einer möglichen Überlastung.

// Wie empfinden Sie die Kommunikation unserer Regierung?

Bislang läuft im Großen und Ganzen alles sehr geregelt – sowohl von Seiten der übergeordneten Stellen wie dem Robert Koch Institut, als auch auf Landesebene durch Sozialministerium und Landesgesundheitsamt bis zur Kreisebene durch Landratsamt und Gesundheitsamt Göppingen.

// Wird es in Zukunft Schnelltests zur Eigenanwendung geben?

Derzeit wird mit Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffs gearbeitet. Das hat absolute Priorität. Was später noch folgt, lässt sich noch nicht abschätzen. Einen Schnelltest zur Selbstanwendung wird es in absehbarer Zeit aber kaum geben. Der Grund hierfür sind die für den Nachweis des Virus-Erbgutes (RNA) notwendigen komplexen und aufwendigen vorbereitenden Arbeiten: Die sehr stabile Hülle des Virus muss über hochspezialisierte Laborschritte „aufgeknackt“ werden, um dann die RNA nachweisfähig zu machen.

// Welche Arbeitsmaterialien werden Sie denn in den kommenden Wochen benötigen und woher sollen die kommen?

Wir benötigen natürlich vor allem Sicherheitsausrüstung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, also Mundschutz, Gesichtsschilde, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel. Noch haben wir diese vorrätig, wenn die Pandemie mehrere Wochen dauert, könnte natürlich ein Engpass entstehen. Die Bundesregierung hat hier schnelle und unbürokratische Hilfe versprochen, wir sind noch optimistisch, dass das klappt.

 

 Helfenstein Klinik Geislingen
Helfenstein Klinik Geislingen Bild: Max Radloff

 // Haben Sie selbst Angst vor Erkrankungen?

Angst ist nie der richtige Ratgeber. Ich lasse die nötige Sorgfalt walten, achte auf die Hygiene, meide nicht notwendige Menschenansammlungen und unmittelbare Kontakte.

// Schauen wir doch mal auf die Situation in ganz Deutschland. Ungefähr 28.000 Betten gibt es dort auf Intensivstationen, 25.000 davon mit Beatmungsgeräten. Das ist doch eine große Anzahl, besonders im europäischen Vergleich?

Im europäischen Vergleich sind wir in Deutschland sicherlich gut aufgestellt. Selbstverständlich kann niemand wissen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt, aber wir hoffen, dass diese Kapazität ausreichend ist. Dazu ist es aber, wie schon gesagt, wichtig, dass sich das Geschehen langsam ausbreitet. Die Intensivstationen haben allerdings seit Jahren einen eklatanten Personalmangel, welcher jetzt nochmals verschärft wird. Dazu kommt, dass wir schwer kranke Patienten weiter versorgen müssen – unabhängig von Corona. Daher wird die Intensivmedizin sehr wahrscheinlich auch in Deutschland zu einem erheblichen Engpass werden.

// Wurden bereits im Vorfeld zusätzliche Plätze auf der Intensivstation geschaffen?

Wir haben soweit möglich unsere intensivmedizinischen Kapazitäten erweitert. Das Nadelöhr wird hier in erster Linie nicht der „Platz“ oder das Bett sein – wir werden, wenn es notwendig wird, in einen „Krisenmodus“ in der Intensivmedizin umschwenken.

// Was bedeutet das Ganze denn für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Helfenstein Klinik ? Wie lässt sich die Arbeit auf den Stationen organisieren, ohne sie zu überlasten oder sogar zu gefährden?

Zunächst ist Covid-19 eine hoch ansteckende Infektionserkrankung wie etwa auch Influenza. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können gut damit umgehen, sie sind grundsätzlich auf solche Fälle vorbereitet. Wir schulen unsere Teams aber aktuell nochmals intensiv. Gleichzeitig tun wir alles was uns möglich ist zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Besuchsstopp etwa ist eine solche Schutzmaßnahme.

// Der italienische „Patient Nummer 1“ hat die Intensivstation wieder verlassen können und atmet selbstständig. Leider sind die positiven Nachrichten heutzutage nicht allzu häufig anzutreffen, wieso?

Das müssten Sie die Medien fragen. Covid-19 ist sicherlich eine sehr ernstzunehmende Erkrankung, mit einem hohen Risiko der Ansteckung. Der Verlauf ist aber bei den meisten Patienten sehr milde. Es besteht also kein Grund zur Panik, sondern eher zu einer gesunden Vorsicht.

// Was kann die Bevölkerung machen, um Sie zu unterstützen?

Generell sollte sich die Bevölkerung an die Hinweise und Vorgaben halten, die von den Behörden herausgegeben bzw. erlassen wurden, also etwa Hygiene und Vermeiden sozialer Kontakte. Und uns als Krankenhaus ist beispielsweise geholfen, wenn unsere Notfallaufnahmen nur in wirklichen Notfällen kontaktiert werden, wenn der Besuchsstopp eingehalten wird und sich Personen mit Corona-Symptomen zunächst telefonisch an ihren Hausarzt oder das Gesundheitsamt wenden und nicht unangemeldet bei uns eintreffen.