Interview

Interview mit Frank Schnötzinger

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Interview mit Frank Schnötzinger
WMF Konzern-Betriebsrat

Interview mit Frank Schnötzinger

// Gerade in kleinen Unternehmen müssen die Mitarbeiter im Betriebsrat oft berufliche Nachteile hinnehmen. Dazu kommt die hohe Arbeitsbelastung. Betriebsräte müssten theoretisch für ihre Arbeit freigestellt werden. Vieles muss aber dennoch am Feierabend oder am Wochenende erledigt werden. Außerdem ist der Job emotional belastend: Man ist der Kummerkasten für alle Kollegen. Wie ist bei einem Weltunternehmen wie der WMF?
Wir in der WMF in Geislingen sind 25 gewählte Betriebsratsmitglieder. Diese leisten einiges! Mit guter Organisation können viele Aufgaben während der Arbeitszeit erledigt werden. Trotzdem bleibt es nicht aus, dass auch mal am Wochenende das eine oder andere Stündchen für die Betriebsratsarbeit verwendet wird. Wir setzen uns gerne für unsere Kollegen/Innen ein.

// Studien belegen, dass Unternehmen mit Betriebsrat sogar innovativer sind als solche ohne, obwohl die Prozesse etwas länger gehen. Sind Betriebsräte bei Arbeitgebern dennoch generell anerkannt?
Von genereller Anerkennung kann keine Rede sein. In der Regel kann man die Situation eher als ein zähneknirschendes Dulden beschreiben. Klar, nach außen verbreitet man ein Bild, dass man selbstverständlich gerne und gut mit dem Betriebsrat zusammenarbeitet. Die tägliche Praxis zeigt jedoch, dass vieles nur Show ist. Natürlich gibt es auch im Führungskreis einzelne Menschen, bei denen man einen ehrlichen Willen zu einer guten Zusammenarbeit erkennen kann, das muss man an dieser Stelle auch erwähnen.

// Gibt es Tricks von Arbeitgebern, um Betriebsräte an ihrer Arbeit zu hindern?
Oh ja, da gibt es ein ganzes Repertoire. Die beliebteste Methode ist, den Betriebsrat mit Arbeit zuzuschütten. Das fängt damit an, dass man wichtige Zahlen ausgedruckt bekommt, also nicht etwa in Excel oder so.
Darüber hinaus sind manche Vorgesetzte so unterwegs, dass sie die Betriebsrats-Kollegen und –Kolleginnen immer wieder unter Druck setzen, indem sie alles Mögliche bemängeln, was eigentlich normale Betriebsratstätigkeit ist wie z.B. Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Da sind manche sehr kreativ und zermürben so manchmal die KollegInnen geradezu. Und zu guter Letzt bleibt noch das Aussitzen. Manchmal bekommt man einfach keine Antwort auf seine Fragen oder keine Gesprächstermine oder, oder, oder.

// Großen Widerstand gegen Betriebsräte findet man bei Start-ups. Ändert sich das automatisch, wenn die Firmen größer werden?
Meist sind bei Start-ups Gleichgesinnte zusammen und verfolgen dieselben Ziele. Dies geschieht oft mit großem Einsatz und sehr harmonisch. Aber wie sich das bei StartUps genau im Detail verhält kann ich nicht beurteilen.
Je größer ein Unternehmen wird, umso vielseitiger sind die Interessen der einzelnen Abteilungen und Mitarbeiter/Innen. Und genau dann ist es wichtig eine gute Interessenvertretung im Betrieb zu haben! Allerdings in großen Betrieben profitieren alle Seiten von einem gut funktionierenden Betriebsrat. Von daher wird eine schlaue Geschäftsführung Betriebsräte prinzipiell nicht verhindern wollen. Das müssen die Jung-Unternehmer wahrscheinlich auch erst lernen.

// Viele Betriebsräte sind keine von Grund auf ausgebildeten Manager, müssen aber mit international agierenden Vorständen verhandeln. Wie funktioniert das?
Zum einen helfen beim Lösen von Sachfragen häufig eine gesunde Portion an Menschenverstand und Einfühlungsvermögen oft mehr als ein Jurastudium an einer Elite-Universität und zum anderen bilden sich unsere BetriebsrätInnen auch in den Sach-themen permanent fort und sammeln natürlich viele Erfahrungen im Laufe der Zeit. Darüber hinaus sind unsere Manager oft nur wenige Jahre im Unternehmen und können fachlich, also wenn es um das Produkt an sich geht, trotz ihrer sicherlich oft guten Ausbildung unseren Spezialisten nicht das Wasser reichen. Bei besonders knackigen Themen werden wir aber immer externe Spezialisten hinzuziehen. Das steht uns zu.

// Wie lange sind Sie bereits im Betriebsrat?
Seit 2010

// Warum soll der Geislinger Standort im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern unwirtschaftlich sein? Welche Faktoren nennt SEB hierzu?
Ich habe nicht den Eindruck, als beruhe die Entscheidung, die Fertigung hier platt zu machen, auf nachvollziehbaren Zahlen. Wir haben es mit einem Großkonzern zu tun, der hier mit den Menschen Schach spielt. Wir haben jedoch ein Wirtschaftsinstitut eingeschaltet, das genau dieser Frage auf den Grund gehen wird. Wir werden also alle Faktoren genau überprüfen und ggf. widerlegen.
Ich kenne keine belastbaren Fakten, warum es gerade hier in Geislingen unmöglich sein soll, gewinnbringend Töpfe zu produzieren. Wir denken, dass wir in Geislingen sehr gute Antworten und Produkte haben, die durchaus wirtschaftlich zu fertigen sind und auch im Markt gewollt sind. Vielmehr fehlt es an unternehmerischem Geist, Dinge wirklich weiter entwickeln zu wollen, an Mut zu neuen Wegen, an kreativen Gedanken womöglich sogar zu anderen Produkten.
Früher hat man das Wort „Unternehmer“ verwendet. Ich denke, dass die sich heute ganz bewusst Manager nennen. Unternehmer heißt etwas anzupacken, neue Gedanken und Ideen auszuprobieren, aktiv unterwegs zu sein. Manager verwalten eher bereits Vorgedachtes. Deren Lösung ist immer dieselbe, stupide, banal und brutal. Sie machen am liebsten alles dicht – natürlich „leider gezwungenermaßen und alternativlos“.

// Sind Sie von der SEB enttäuscht?
Was heißt enttäuscht? Wir leben im Kapitalismus und wissen, dass es hier immer darum geht, wie der Kuchen letztendlich aufgeteilt wird. Manager und Inhaber kommen und gehen seit Jahrzehnten. Das einzige was hier Konstanz bringt sind die Menschen, die hier seit Generationen ihren Beitrag zum Wohle der WMF und der Region bringen und damit ihre Familien ernähren.
Niemand hat wirklich damit gerechnet, dass hier der liebe Onkel aus Frankreich eingezogen ist, der einem noch ein Croissant zum Kaffee bringt. Außerdem war ja bekannt, wie die Groupe SEB mit Firmen umgeht, die sie eingekauft hat. In aller Regel bleibt da nicht viel mehr als der Name übrig. Von daher ist die Hoffnung vielleicht doch einer gewissen Enttäuschung gewichen. Die Groupe SEB wird jetzt jedoch etwas dazulernen, denn mit WMFlern hatten sie es seither noch nicht zu tun gehabt und mit Schwaben wahrscheinlich auch noch nicht. Wir sind beides auf einmal und wir wissen uns zu wehren, sind kreativ und haben viel Erfahrung.

// Die WMF war einst der größte Arbeitgeber in der Region, nach mehreren sogenannten Sanierungsprogrammen in den letzten Jahrzehnten hat sich die Belegschaft stark dezimiert. Wie ist die Entwicklung der Mitarbeiter-Zahlen seit den 70ern?
Wir hatten am Standort Geislingen mal ca. 7.000 Beschäftigte. Leider war die Mitarbeiterzahl seit 1970 immer rückläufig, wobei wir am Standort Geislingen in den letzten Jahren wieder mehr Mitarbeiter geworden sind. Heute sind wir noch ca. 2.000 Beschäftigte in Geislingen. Wir hatten immer gute Ideen und ständig überragende Produkte. Leider werden die Innovationen sehr eingebremst. Das hinterlässt Zeichen – eben weniger Mitarbeiter.

// Um international mitzuhalten, muss natürlich auch die WMF in Asien produzieren. Welche der WMF Produkte sind wirklich noch MADE IN GEISLINGEN?
Das ist sehr schwer zu definieren. Ist wirklich nur der Produktionsstandort als „Made in Germany“ anzusehen oder auch ein Design oder die Entwicklung eines Produktes? Wenn wir alleine von Produktion sprechen, dann haben wir in Deutschland noch Kochgeschirr und Kaffeemaschinen bei der WMF in Geislingen, Messer in der WMF in Hayingen, Töpfe und Pfannen bei SILIT in Riedlingen und Backformen bei KAISER in Diez – welche alle zum WMF Konzern gehören.

// Welche Mittel stehen dem Betriebsrat zur Verfügung, dem geplanten Stellenabbau „Parole“ zu bieten?
Sagen wir mal so, ganz formal haben wir nahezu keine Handhabe, uns gegen unsinnige Entscheidungen zu wehren. Aber Sie können sich ja vorstellen, dass wir es nicht hinnehmen werden, wenn völlig ohne Not die Existenzen von mehreren hundert KollegInnen auf’s Spiel gesetzt werden. Wir werden alle Faktoren kritisch prüfen und ggf. widerlegen. Weiter werden wir Vorschläge für Verbesserungen machen und nachhalten. Kurz: Wir werden alles versuchen, um die Kochgeschirrfertigung in Geislingen zu halten und weitere vakante Jobs genau auf dem Prüfstand zu durchleuchten. Einfach werden wir uns dies nicht machen. Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie unser guter Name WMF aus reiner Geldgier kaputt gemacht wird. Auch davon hängen unsere Arbeitsplätze und die unserer Kinder ab. Wir hoffen, dass wir viele Unterstützerinnen und Unterstützer bekommen und dass unsere Bedenken gehört werden. Im besten Fall werden diese dann abgestellt. Dies wollen wir mit unseren „Mondays For Jobs“ erreichen.

// Bis wann kann man mit konkreten Maßnahmen rechnen?
Sofort – wir arbeiten täglich an den Zielen und werden die Maßnahmen immer weiter ausdehnen müssen. Wir haben jeden Montag 5 vor 12 die Aktion „Mondays for Jobs“ und werden immer mehr, wie z.B. am 16. September 2019 waren wir z. B. 460 Personen, die uns unterstützt haben. Darauf werden weitere Montage folgen und wenn es nötig sein wird auch andere Tage an denen wir uns zeigen werden. Es wird sicher ein langer steiniger Weg – aber: Wir haben große Ausdauer und keinen eisernen, sondern einen „cromarganen“ Willen!