Interview

Interview mit Gottfried Schön

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Interview mit  Gottfried Schön

Förster – Revier Geislingen

// In Büchern sind Förster wie auch Jäger als grüne Männlein im Walde mit Dachshund an der Leine und Gewehr über der Schulter durchs Unterholz unterwegs. Wieviel ist an diesen Bildern dran?

Das Bild stimmt bis heute noch voll und ganz – zumindest in vielen Köpfen. Tatsächlich hat der Lauf der Zeit einiges verändert. Durch die immer größer werdenden Reviere sind wir Förster zunehmend mit dem Auto unterwegs, die Waffe wird nur noch zur Jagd mitgenommen und der gute alte Dackel ist aus der Mode gekommen und fast schon eine Seltenheit geworden. Der grüne Rock ist uns geblieben und das finde ich gut.

// Forstpolizist, Naturschützer, Waldpädagoge – trifft dies alles auf Sie zu?

Ja, wenn Förster diese drei Aufgaben wahrnehmen sind sie hoheitlich tätig. Von meinem Arbeitszeitpensum sind das aber kaum 5% der Zeit. Der Schwerpunkt im Forstrevier Geislingen liegt in der Bewirtschaftung und Pflege des Stadtwaldes und die Beratung und Betreuung des gesamten Privatwaldes auf der Gemarkung. Alle anfallenden Arbeiten werden von mir geplant, organisiert, koordiniert und abgerechnet. Es werden nicht nur Bäume gefällt. Das Holz muss wertschöpfend sortiert und für den Verkauf bereitgestellt werden. Forstwege werden gebaut und gepflegt. Junge Waldbestände werden gepflanzt, geschützt und gepflegt. Der Wald wird für die Erholung der Bevölkerung attraktiv gemacht und vieles mehr.

// Was macht Ihren Beruf so attraktiv?

Das ist mit wenigen Worten schwer zu beschreiben. Zunächst ist es die Arbeit mit und in dem hochkomplexen Lebensraum Wald – und das zu jeder Jahreszeit und fast zu jeder Tageszeit. Um einen Wald nachhaltig zu bewirtschaften muss man sich unterschiedlichster Fachdisziplinen bedienen. Diese Vielseitigkeit der Aufgabenstellung und die Eigenverantwortlichkeit bei deren Erfüllung machen den Reiz aus.

// Man sollte wahrscheinlich keine Angst vor dem Alleinsein haben?

Förster haben den Ruf als Einzelkämpfer. Alleine sind wir im Wald viel zu selten. Wirklich alleine sind wir bei der Jagd, im Auto und im Büro. Angst habe ich vor allem vor der zunehmenden Bürokratisierung.

// Jagen Sie selbst oder geben Sie die Arbeit an einen externen Jäger ab?

Wer mich näher kennt, weiß, dass das Jagen eine meiner Leidenschaften ist. Zurzeit jage ich im Auftrag von ForstBW im Staatswald im Roggental. Dabei betreue ich auch die vom Land Baden-Württemberg zur Jagd eingeladenen mithelfenden Jäger in diesem Jagdbezirk.

// Wie alt ist der älteste Baum hier bzw. was ist das Durchschnittsalter unser Bäume?

Das Durchschnittsalter der Bäume im Stadtwald Geislingen liegt statistisch errechnet bei ca.100 Jahren. Mehr als die Hälfte des Waldes in Geislingen ist über 100 Jahre alt. Einzelne Bäume, im ältesten Waldteil der Stadt, sind 214 Jahre alt. Es ist nicht bekannt, welcher Baum im Raum Geislingen der Älteste. Ich kann mir aber vorstellen, dass es über 300 Jahre alte Eichen, Eiben oder Linden gibt.

// Wie viele Baumarten gibt es hier bei uns?

Die Wälder in Geislingen sind vor allem durch Buchen- und Fichten-Mischwälder geprägt. Dort dominieren die Hauptbaumarten Buche (50%), Fichte (20%) Esche (10%) und Bergahorn (10%). Eine bunte Mischung ergibt sich durch über 22 weitere sogenannte Nebenbaumarten. Dazu gehören beispielsweise die Eiche, Bergulme, Birke, Eibe, Tanne, Lärche und Kiefer. Im Übrigen gibt es fast eben so viel Straucharten in unseren Wäldern.

// Der deutsche Wald leidet unter Dürre, Schädlingen und Stürmen. Warum braucht der deutsche Wald gerade jetzt einen Masterplan?

Unser Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat die Notwendigkeit für einen Masterplan so begründet: „Der Klimawandel trifft die Wälder im Land mit nicht geahnter Wucht. Dürre, Hitze und Schädlinge setzen unseren Waldbäumen mit einer Geschwindigkeit zu, die das Naturgefüge ins Wanken bringt.“ Glücklicherweise sind wir im Landkreis Göppingen und auf der Gemarkung Geislingen noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Während im Südschwarzwald oder in den nördlichen Bundesländern ganze Landstriche abgestorben sind, hat es bei uns „nur“ einzelne Bäume oder Baumgruppen getroffen.

// Die Borkenkäfer fallen in Deutschland über die geschwächten Bäume her. Auch bei uns?

Ja, dabei hatten wir in unserer Region noch sehr viel Glück. Im Jahr 2020 sind im Stadtwald Geislingen etwa 300 Bäume dem Borkenkäfer zu Opfer gefallen.

// Wie unterscheiden sich die aktuellen Schäden vom Waldsterben der Achtzigerjahre?

Die Ursachen für das Waldsterben in den Achtzigerjahren sind sehr komplex und waren in erster Linie durch die Luftverschmutzung ausgelöst. Die Schäden halten immer noch an. Die aktuellen Schäden haben ihre Ursache in den Faktoren, die zu einer rasch voranschreitenden weltweiten Klimaveränderung beitragen. Bäume können sich hier nicht so schnell anpassen. In unserer Region leiden wir unter extremen Witterungsereignissen wie Trockenheit, Stürmen, Nassschnee und damit einhergehend Borkenkäferschäden und Pilzbefall.

// In welchen Zeitdimensionen denkt ein Förster?

Bei langfristigen Planungen denken wir in Schritten zwischen 100 und 200 Jahren. Bei der täglichen Arbeit steht das Jahr, bzw. das Jahrzehnt im Fokus. Bei der Jagd geht es um Sekunden.

// Gibt es etwas Besonderes in und an den Wäldern in unserer Gegend, das es anderswo nicht gibt?

Die Gegend um Geislingen, das Obere Filstal mit seinen angrenzenden Hochflächen, gehört zu den schönsten und großartigsten Landschaften der Schwäbischen Alb. Die Wälder um Geislingen haben eine herausragende Bedeutung für den Natur- und Artenschutz. Sie sind wertvolle Lebensräume für die heimische Pflanzen- und Tierwelt. Es gilt diese zu pflegen und zu erhalten.