Interview

Interview mit Hans-Joachim Saam

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Interview mit Hans-Joachim Saam
Walz, Tippelei oder einfach Wanderschaft.

Interview mit Hans-Joachim Saam

// Hallo Hans-Joachim, vielen Dank für deine Zeit. Wir suchen schon seit langem nach einem Zimmermann, der auf Wanderschaft war und sind in Reichenbach bei der Firma Gansloser auf dich gestoßen. Du hattest dich entschlossen, drei Jahre auf Wanderschaft zu gehen. War das eine schwierige Entscheidung?
Nein, und es sind drei Jahre und ein Tag. Wohlgemerkt!

// Dafür musstes du dich aber an einige Regeln halten. Welche sind das?
Also du musst gut angezogen sein, das heißt das Tragen der Kluft und in der Öffentlichkeit ein gutes Bild abgeben. Ich darf euch aber hier nicht alles erzählen, da die Gesetze der Walz geheim sind! Ich darf nicht euch also leider nicht alles beantworten.

// Aber telefonieren durftest du schon?
Telefonieren schon, ein Handy zu besitzen ist allerdings nicht erlaubt. Bei mir ist das jetzt schon 20 Jahre her, da war das mobile Telefon noch nicht so verbreitet – es gab es aber und ist heute wie damals auf der Walz verboten. Man darf natürlich auch kein eigenes Auto besitzen.

// Was passiert, wenn sich Wandergesell*innen nicht an die Regeln halten?
Dann werden sie „ausgeflaggt“! So heißt das bei uns. Wir tragen ja eine „Ehrbarkeit“, die sieht so ähnlich aus wie eine Krawatte, und jene wird dir weggenommen. Du darfst dann also nicht mehr in dem Schacht sein … Ein Schacht ist eine Vereinigung von Handwerkern, die auf Wanderschaft sind oder waren. Da gibt es die Axt und Kelle, die Freien Vogtländer Deutschlands, den Rolandschacht, den Fremden Freiheitsschacht, den Schacht Vereinigung der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen Deutschlands und die Elefanten, die heißen eigentlich Freier Begegnungsschacht. Bei den Elefanten dürfen auch die Frauen reisen. Die Schachte fungieren übrigens bundesweit. Ich war im Rolandschacht.

// Hattest du anfangs konkrete Pläne, wo du überall hinreisen wolltest?
Ja, die hatte ich. Was mich damals als junger Mann eben so interessiert hat. Irland zum Beispiel stand auf dem Plan – war ich aber nie Ich war allerdings drei Monate auf Cuba, dann war ich viel in der Schweiz beim Arbeiten, oben im Amrum auch ein Vierteljahr – wo es mich eben hingezogen hat. Das ist das Schöne auf der Walz. In Frankreich auch mal zwischendurch.

// Wie sieht es mit dem Geldverdienen aus? Sind alle Zimmereien den Wanderern aufgeschlossen?
Nee, es gibt auch welche, da wirst du vom Hof gejagt. Bin ich übrigens auch schon geworden. Die waren wahrscheinlich noch nie auf Wanderschaft oder haben es sich vorgenommen und sich nicht getraut oder wie auch immer.

// Wo hat es dir am besten gefallen?
Cuba war toll, ich bin viel mit Kameraden aus dem Osten gereist, deren Eltern mal auf Cuba waren und denen es da anscheinend gut gefallen hat. Wir waren neugierig und sind da einfach mal rübergefahren. Ohne Spanischkenntnisse versteht sich.

// Keine modernen Kommunikationsmittel, kein Geld fürs Reisen oder die Unterkunft auszugeben – das hört sich ein bisschen nach Aussteigen auf Zeit an.  
Nee, eigentlich gehst du ja los um zu lernen. Ich komme aus Hamburg und wollte mir die Zimmereien im süddeutschen Raum anschauen, da gibt es einige mehr als bei uns, auch aufgrund der Fachwerkhäuser und so weiter. Die Maurer zum Beispiel gehen aus dem Süden hoch in den Norden, weil dort Sichtmauerwerk gemacht wird. Das lernst du hier unten nicht. Du wanderst nicht los um auszusteigen, sondern um zu lernen. Jeder Meister hat seinen eigenen Trick, du schaust dir in den 3 Jahren von jedem was ab und sammelst so durch viele verschiedene Stopps deine Erfahrungen. Du klaust quasi mit den Augen Eine schöne Sache, nebenbei reist du durch die Welt und lernst die Menschen kennen. Natürlich trifft man sich auch mit anderen Leuten auf Wanderschafft, dazu gibt es extra Treffen.

// Die Walz ist eine sehr alte Tradition, die es seit dem Spätmittelalter gibt und die 2015 von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt wurde. Wie viele machen das denn heutzutage überhaupt noch?
Wir sind seit Jahrzehnten gleichbleibend ungefähr 500 Wanderer, die immer unterwegs sind. So ganz grob, von allen Schächten, das ist recht wenig. Nach der Wende wurden es kurzfristig mehr. Das hat man dann schon gemerkt, als der Osten geöffnet wurde und die Jungs auf einmal reisen durften. Im süddeutschen Raum um Stuttgart rum sind es ungefähr 40.

// Ist die Walz noch zeitgemäß?
Ja, für Handwerker auf jeden Fall, du lernst ja. Auslernen tut man ja nie!
Reisewillige Gesell/innen haben die Möglichkeit, ihren fachlichen und weltlichen Horizont auf einer Wanderschaft zu erweitern. Eine schöne Sache!

// Drei Jahre in den gleichen Klamotten, gewöhnt man sich daran, im Sommer zu warm und im Winter zu kalt gekleidet zu sein?
Ja, da gewöhnt man sich dran. Man liebt es nicht aber du gewöhnst dich dran.

// Würdest du es wieder tun?
Ja sicher. Wir treffen uns übrigens alle immer noch.

// Was für Gepäck hattest du denn bei dir? Mit was bist du gestartet?
Gestartet bin ich mit vielen Sachen in meinem Charlie, diesem Bündel… Der hat zu Anfang, also ich losgegangen bin 25 Kilogramm gewogen. Also ich heimgekommen war das Ding nur noch 7,5 Kilo schwer. Anfangs denkste: Mensch, das brauchst du, und das und das! Dann wird dir aber schnell klar: Nee, brauchste ja gar nicht!

// Was hat dir am meisten gefehlt in der Zeit?
Meine Familie. Wir dürfen ja die 3 Jahre und den einen Tag nicht näher als einen Umkreis von 60 Kilometern an unseren Heimatort ran. Du darfst dich aber besuchen lassen. Meine Eltern haben mich damals auf Amrum besucht. Das geht! Nur ich darf eben nicht näher als 60 km an Zuhause ran.

// Wie bist zu deinem Beruf gekommen?
Wir haben unser Haus selbst gebaut. Da war ich 12 Jahre alt und wir haben fast alles selber gemacht. Wir haben drei Jahre dran rumgebaut. Irgendwann kamen die Zimmerleute und dann haben wir das Dach aufgerichtet. Da durfte ich ein bisschen mithelfen. Das hat mir am meisten Spaß gemacht und von da an war das mein Beruf, nicht Dachdecker, nicht irgendwas anderes sondern Zimmerer, seitdem kann ich mir nichts anderes vorstellen und ich bin heute noch sehr glücklich mit meiner damaligen Entscheidung.

Wir haben ein wenig zusätzlich über den Rolandschacht recherchiert, falls der ein oder andere Geselle nach diesem Interview auf den Geschmack gekommen ist, was uns natürlich sehr freuen würde.

Hier nochmal eine kurze Zusammenfassung:
Der Schacht erwandert Zimmerer, Dachdecker, Tischler, Maurer, Steinmetze, Steinsetzer, Betonbauer, Stuckateure, Holzbildhauer und Bootsbauer.
Im Rolandschacht geht man wie schon eben erwähnt mindestens 3 Jahre und einen Tag organisiert als Rolandsbruder mit blauer Ehrbarkeit auf Wanderschaft. Bis zum 27. Lebensjahr (in Ausnahmefällen auch älter als 27 Jahre) ist es möglich, im Rolandschacht aufgenommen zu werden. Wer auf Wanderschaft gehen will, muss unverheiratet, schuldenfrei und Mitglied in einer Gewerkschaft sein. Im Allgemeinen sind die Reisenden in der gesetzlichen Krankenversicherung zum Studententarif versichert, da man auch während der Tippelei, wenn man ohne Arbeit ist, abgesichert sein muss. Kontakt: info@rolandschacht.de

In diese, Wanderbuch findet man Infos zu den jeweiligen Orten und Betrieben, wo er gearbeitet hat.

 

Bild: In diesem

 

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