Interview

Interview mit Herrn Dr. Hermann Scheiring

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Interview mit Herrn Dr. Hermann Scheiring
Dozent, Extremsportler & Weltmeister beim Ironman auf Hawaii

Interview mit Herrn Dr. Hermann Scheiring

Dr. Hermann Scheiring ist seit 2008 Dozent für Erziehungswissenschaft an der PH Ludwigsburg. Vor seiner Tätigkeit als Schulrat im Schulamt GP war er sechs Jahre lang Schulleiter an der Hohensteinschule Gingen. Schwerpunkte seiner jetzigen Arbeit sind Jugendforschung, Migration und Integration, Gesundheitserziehung sowie Leistungsbewertung. Darüber hinaus ist er als Schulberater und Fortbildner tätig. In seiner Freizeit ist er begeisterter Sportler und startet seit 30 Jahren als Triathlet für die TG Geislingen. Extremsport ist mehr als die Überschreitung der eigenen Grenzen. Es ist ein Balanceakt zwischen dem, was der Körper kann und dem, was der Geist will.

Servus Herr Dr. Scheiring, vielen Dank für Ihre Zeit.
Alles klar. Dann geht’s mal los – der Einstieg zielt ja gleich aufs Eingemachte… Der Geist ist willig, aber der Körper schwach – diese biblischen Worte werden schon mal auf den Sport angewendet. „I sodd, bi aber viel zmiad“ – würde man das auf gut schwäbisch ausdrücken. Aber beim Extremsport ist ja genau das Gegenteil gemeint: Den Körper zu schinden, bis er nicht mehr kann. Der Wille siegt über den Körper. Zweifellos ist Triathlon – und vor allem die Langstrecke – Extremsport im Ausdauerbereich. Und da überschreitet man auch Grenzen. Unvergessen sind Bilder von Triathleten, die ins Ziel taumeln oder gar kriechend die Ziellinie erreichen. Da steuert ein viel zu großer Ehrgeiz die letzten unkoordinierten Bewegungen. Und dennoch gilt auch im Triathlon: Den Körper kannst du nicht besiegen, diesen Kampf gewinnst du niemals. Die Grenze kann mal kurz überschritten werden – aber die Rechnung, die der Körper stellt, kommt anschließend und ist meistens hoch. Wir Triathleten versuchen deshalb im Training systematisch und wohldosiert diese Grenze zu verschieben. Immer so, dass der Körper adaptieren kann und kein Ungleichgewicht entsteht. Und das Schöne daran ist, der Körper sendet laufend Signale, wo diese Grenze genau verläuft. So konnte auch ich über die Jahrzehnte ziemlich präzise diesen Balanceakt lernen und vollbringen: wie oft, wie lang, wie schnell, mit welcher Intensität etc.

// Warum hat der Mensch den Drang, an seine Grenzen zu gehen?
Menschen reizt es, Grenzen zu überschreiten. Bereits kleine Kinder wollen immer Grenzen überschreiten und freuen sich diebisch, wenn ihnen dabei etwas Neues gelungen ist. Und bei Erwachsenen ist das kaum anders: Etwas Größeres zu schaffen, sich an etwas Schwierigerem zu versuchen, etwas Neues auszuprobieren gehört doch zu unserem Leben dazu. Grenzen zu verschieben, quasi auf die andere Seite zu schauen, übt eine gewisse Faszination aus. Es ist so etwas wie die Sehnsucht nach Freiheit, nach dem Neuen und Unbekannten. Letztendlich ist es der Kern der menschlichen Entwicklung.

// Wie sind Sie zum Extremsport gekommen?
Triathleten können weder gut Schwimmen, noch gut Radfahren und auch nicht besonders gut Laufen. Aber eins können sie sehr gut: alle drei Sportarten zusammen. Irgendwann habe ich das gemerkt und bin vom Laufen zum Triathlon übergeschwenkt. Schwimmen musste ich mir noch mühsam beibringen.

// Sie sind promovierter Erziehungswissenschaftler an der PH Ludwigsburg – wie lässt sich der Job mit dem „Hobby“ verbinden?
Ein liebenswerter Kollege mit ähnlicher beruflicher Inanspruchnahme sagt immer, wie schaffst du das nur alles. Manchmal frage ich mich das auch. Man sagt über Triathlon, dass es die unsozialste Sportart sei. In der Tat leiden Familie und Freunde. Um das alles unter einen Hut zu bringen, darf man sich nicht scheuen auch in Dunkelheit und bei Kälte und Regen zu laufen. Schwimmen ist auch immer am Abend. Oft komme ich auch erst danach zum Essen. Was mir sehr hilft, ist vorausschauendes, strukturiertes und effizientes Arbeiten. Und hier kommt mir das systematische und geplante Trainingsverhalten im Triathlon zugute. Was mir auch sehr hilft: Ich kann im Wintersemester etwas mehr arbeiten und dafür im Sommersemester etwas weniger.

// Sie sind Ende letzten Jahres Weltmeister in Ihrer Altersklasse beim Ironman auf Hawaii geworden – herzlichen Glückwunsch!!! Was war für Sie die größte Herausforderung bei der Vorbereitung?
Es gab eine ganze Menge an Dingen, die zu bewältigen waren: Trainingspläne auf Langstrecke umstellen, Ernährung optimieren, Eingewöhnung auf ein neues Rad. Die größte Herausforderung waren allerdings die Verletzungen im Frühjahr. Beim Trainingslager auf Fuerteventura im Februar 2018 zog ich mir eine massive Bandscheibenverletzung im Halswirbelbereich zu. Zudem machte die Schulter so große Probleme, dass ich kaum noch den Arm heben konnte. Und das Knie schmerzte auch immer wieder mal. Hier half nur Geduld und eine positive Grundeinstellung zum Heilungsprozess. Zusätzlich zu den Akupunkturterminen in der Naturheilpraxis Jettmar war die wohldosierte Arbeit mit meinem langjährigen Physiotherapeuten Jürgen Lässing im Respofit ein zweites wichtiges Standbein für den Heilungsprozess gewesen.

// Am Anfang stand die Frage: Wer hat die größte Lungenkapazität? Aus einem Fun-Wettbewerb wurde brutalster Langstrecken-Triathlon. War der Ironman schon immer ein Traum?
In kürzester Zeit hat sich diese junge Sportart tatsächlich zu einer riesigen Bewegung entwickelt. Und die Geschichten, die jedes Jahr neu auf Hawaii geschrieben werden, nähren diesen Mythos. Neben den großen Siegen gibt es dort auch jede Menge Dramen und Tragödien und viele unglaubliche sportliche Geschichten. Es gehört für einen Triathleten schon irgendwie dazu, auf Hawaii zu starten. Ich war auf der Kurz- und Mittelstrecke bereits erfolgreich unterwegs und fasste 2016 den Beschluss, die Qualifikation für Kona in Angriff zu nehmen. Dass es auf Anhieb geklappt hat und zum Weltmeistertitel geführt hat, ist schon einzigartig.

// Warum sind so viele Protagonisten männlich? Sind Männer die besseren Extremsportler?
Die Sportwissenschaftler sagen ja. Ich nehme aber die Situation anders wahr: Es gibt in den Wettkämpfen immer mehr Frauen und das Niveau steigt. Absolut gesehen gibt es tatsächlich mehr Männer als Frauen im Triathlonsport. Die Mitgliederzahlen in der Deutschen Triathlon Union steigen stetig, während andere Sportarten fast durchweg abnehmen. Die Zuwachsraten der Frauen sind dabei doppelt so hoch, wie die der Männer. Der Frauenanteil in der DTU ist im letzten Jahr von 24% auf 31% gestiegen. Also: die Frauen sind sehr stark im Kommen.

// Welche Rolle spielt die psychische Stärke bei einem Ironman-Rennen?
Allein mit psychischer Stärke kannst du kein Rennen gewinnen – aber ohne psychische Stärke sehr wohl verlieren. Und da gibt es während eines zehnstündigen Wettkampfs einige Phasen, wo diese Stärke gefragt ist. Aufgrund meines beruflichen Werdegangs konnte ich mir hier viel Wissen aneignen.

Mit den Methoden der Autosuggestion und Imagination legte ich mir jede Rennsituation zurecht und spielte sie systematisch immer und immer wieder durch. Immer in unterschiedlichen Varianten. Einen besonderen Platz hatte dabei das Energy Lab eingenommen. Ich wusste, dass in diesem Gebiet die Luft stand und es nochmals ein paar Grad heißer war. Das musste mental sitzen. Und im realen Wettkampf konnte ich genau hier die entscheidenden Schritte zum WM-Titel machen. Nach dem Schwimmen lag ich auf Platz fünf. Das war okay, die Muster des mentalen Trainings griffen: Ich war total ruhig und im Plan. Jetzt musste ich nur die Ruhe bewahren, nur nicht auf dem Rad überziehen. Ich ging als Zweiter vom Rad – jedoch mit einem Rückstand von 17 Minuten. Auch dieses Szenario hatte ich mir vorher bereits mehrfach ausgemalt. Keine Hektik, stattdessen wohldosierte Aufholjagd. Und genau im Energy Lab ging ich schließlich in Führung.

// Was treibt Sie an und was sind Ihre nächsten Pläne?
Eigentlich hätte ich für 2019 eine Startberechtigung für Hawaii gehabt. Die habe ich verfallen lassen. Mein Hauptwettkampf in diesem Jahr ist die sog. 70.3-WM in Nizza. Das ist die Mitteldistanz. 2016 bin ich auf dieser Streckenlänge zwar schon Europameister geworden, aber eine Weltmeisterschaft ist nochmals eine besondere Herausforderung.

// Bier und Pizza?
Das bringt mich zum Schmunzeln: Eins geht immer, am liebsten weltmeisterliches Bier der Kaiserbrauerei und Pizza am liebsten vegetarisch (aber mit scharfer Salami).