Interview

Interview mit Khattab

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Interview mit Khattab

Aus Syrien geflohen und in Geislingen eine neue Heimat gefunden

Der Syrien-Krieg hat bislang fast eine halbe Million Menschenleben gefordert und 12 – 14 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Zwar ist der Bürgerkrieg längst entschieden, doch von einer politischen Konfliktregelung und einer Befriedung bleibt das Land weit entfernt. Heute ist Syrien teilweise besetzt und wirtschaftlich am Boden. Khattab aus Syrien spricht über seine Flucht & neue Heimat.

// Wie geht’s dir heute?

Mir geht es gut. Momentan lerne ich Deutsch auf Niveau B2 und alles läuft bei mir sehr gut.

// Seit wann bist du in Deutschland bzw. in Geislingen?

Seit ungefähr zwei Jahren.

// Warum müsstest du deine Heimat verlassen und bist du allein gekommen?

Es war wegen des Krieges. Es würde zu lange dauern, dies ausführlich zu erklären, aber ich werde versuchen, es kurz zu machen. Syrien wird von einem diktatorischen Regime regiert, es gibt keine Gesetze und keine Gerechtigkeit. Viele meiner Freunde sind im Gefängnis gestorben. Und meine Gegend, in der ich lebte, wurde belagert und Lebensmittel kamen nur mit dem Flugzeug, und das zu sehr hohen Preisen.

Wir hatten nichts zu essen und es gab nur für eine Stunde am Tag Strom. Aus diesem Grund wurden die Waffen überall verbreitet. Es gibt keine Sicherheit mehr. Jeder mit einer Waffe kann dich einfach töten und du kannst dich nicht verteidigen. Wir haben 5 Jahre unter diesen Umständen gelebt. Aber einmal wurde mein Bruder ohne Grund eingesperrt. Nur weil er sich mit einem Polizisten gestritten hat. Er blieb 45 Tage im Gefängnis.

Er wurde aus dem Gefängnis entlassen, konnte weder sprechen noch schlafen. Sein Körper ist draußen, aber sein Verstand ist immer noch im Gefängnis.
Er litt an schweren psychischen Erkrankungen und Müdigkeit, also nahmen wir ihn mit in die Türkei, um ihn zu behandeln. Dort wurde er behandelt und erholte sich ein wenig.

// Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Wir kamen mit dem Flugzeug von der Türkei nach Deutschland über Assam über eine Menschenrechtsorganisation, wegen des Gesundheitszustandes meines Bruders und Vaters.

// Hast du etwas für deine Fluchtmöglichkeit bezahlen müssen?

Nein, aus Syrien nicht, aber aus der Türkei ca. 5000€.

// Hast du etwas auf der Flucht mitgenommen? Was musstest du zurücklassen?

Wir haben alles zurückgelassen, nur ein paar wichtige Papiere und Geld konnten wir mitnehmen.

// Wie ging es dann weiter?

Wir sind bei Hannover in der Stadt Friedland angekommen. Am Anfang war es schwierig, weil mein Bruder wie auch mein Vater sehr krank waren. Aber die Dinge begannen sich sehr schnell zu verbessern, dank der Caritas-Organistion, die aus sehr geholfen hat und wir fühlten uns sicherer und umsorgt.

// Was hast du auf der Flucht erlebt?

Als wir aus Syrien in die Türkei kamen, haben sie auf uns geschossen, also rannte ich schnell und stellte fest, dass ich meinen Vater und meinen Bruder verloren hatte. Es hat zwei Wochen gedauert, bis ich sie wiederfinden konnte.

// Wie lange hat die Flucht gedauert?

Ungefähr zwei Tage für mich und für meine Familie eine Woche.

// Hast du sonst noch Familie? Wenn ja, wo ist sie?

Ja, ich habe einen älteren Bruder in Saudi-Arabien. Meine ältere Schwester ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten und eine Schwester ist in China.

// Erinnerst du dich noch, wie dein Leben in deiner früheren Heimat aussah?

Mein Leben vor dem Krieg vor 2011 war wunderbar. Aber nach dem Krieg starben wir jeden Tag, bis ich Angst hatte, an die Vergangenheit zu denken.
Das Leben, das ich gelebt habe, kommt nur in Albträumen zu mir, und ich wache nur erschrocken daraus auf. Es gibt nichts Gutes, um mein Land wieder zu vermissen.

// Denkst du manchmal daran, in dein Heimatland zurückzugeben?

Nein, überhaupt nicht, denn das System und die Ungerechtigkeit haben sich nicht geändert. Und die Lage verschlimmert sich: Ein Freund ist promovierter
Energieingenieur und arbeitet für 70.000 syrische Pfund im Monat. Das sind umgerechnet 18 Euro im Monat, und er kann sich kein Brot zum Leben sichern.

// Was war dein erster Eindruck von Deutschland un den Deutschen?

Das Wichtigste ist, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist und nicht zwischen Menschen unterscheidet. Was immer du diesem Land gibst, wirst du bekommen. Sei einfach ein guter Mensch. Die Deutschen sind nett und haben mir sehr geholfen. Ich bin glücklich hier zu sein und fühle mich sicher, stabil und geliebt.

// Hast du Probleme wegen deiner Religion?

Ich möchte hier erwähnen, dass ich im letzten Ramadan nach der 8. Stunde
zum Tarawih-Gebet gehen durfte, durch ein kleines Papier, welches nachgewiesen hat, dass ich beten würde.

// Auf welche Schwierigkeiten stößt du im Alltag?

Die vielen Gesetze und die Bürokratie, da ich die Angelegenheiten meiner ganzen Familie verfolge. Aber Ich lerne die Sprache, schließe neue Freundschaften und gewöhne mich an das Leben hier.

// Welche Sprachen sprichst du?

Arabisch, als meine Muttersprache, Türkisch, Englisch und Deutsch.

// War es schwer, Freunde zu finden?

Ja, sehr, da ich im Moment nicht arbeite und nicht mit vielen Studenten studiere.

// Wenn du dir etwas wünschen dürfest, was wäre das?

Ich möchte, dass mein großer Bruder bei mir ist, weil er in Saudi-Arabien sehr leidet und einen Sohn mit Autismus hat. Ich möchte in einem Automobilunternehmen arbeiten und die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ich glaube, ich brauche einfach Zeit, um das zu erreichen, was ich will.