Interview

Interview mit Thekla Schlör

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Interview mit Thekla Schlör
Situation auf dem Arbeitsmarkt in Geislingen

Interview mit Thekla Schlör

Der Arbeitsmarkt in Deutschland, in Baden-Württemberg und im Bezirk der Agentur für Arbeit Göppingen hat über eine schon lange andauernde Phase eine richtig gute Entwicklung hingelegt: Beschäftigung ist auf Rekordniveau, die Betriebe suchen Personal und die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Auch in Geislingen. Lange Zeit trug der Arbeitsmarkt in und um Geislingen die „rote Laterne“, weil er im Agenturbezirk die höchste Arbeitslosenquote hatte. Diese Bezeichnung trägt der Geislinger Arbeitsmarkt zu Unrecht. Der Raum hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt und liegt aktuell bei der Arbeitslosenquotenquote gleichauf mit Esslingen.

// Wie hoch ist die Arbeitslosenquote derzeit im Raum Geislingen?
In und um Geislingen liegt die Arbeitslosenquote im Juli bei 3,4 Prozent und damit etwas höher als der Schnitt in Baden-Württemberg, der aktuell bei 3,1 Prozent liegt. Die Arbeitslosenquote wird als Anteil der arbeitslosen Menschen an allen zivilen Erwerbspersonen ermittelt. Das ist die technische Beschreibung. Oder anders: sie zeigt, wie viele Menschen in einer Region, die arbeiten könnten, gerade ohne Job sind.

// Sie stehen in intensivem Austausch mit den regionalen Unternehmen und Betrieben, die auf der Suche nach Fachkräften immer kreativer vorgehen müssen. Auch die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sinkt seit Jahren. Wie ist die Lage in Geislingen und was ist nötig, damit der Fachkräftebedarf gedeckt werden kann?
Die Geislinger Betriebe haben deutlich mehr offene Stellen gemeldet als vor einem Jahr, können aber nicht mehr alle besetzen. Auf dem Ausbildungsmarkt sprechen wir schon seit einiger Zeit von einem „Bewerbermarkt“. Tatsächlich sind Fachkräfte und auch Nachwuchskräfte ein begehrtes Gut und werden umworben. Betriebe müssen kreativ und auch schnell sein, um die besten Köpfe abzugreifen. Sie müssen auch Menschen eine Chance auf Arbeit geben, deren Fähigkeiten erst auf den zweiten Blick sichtbar sind. Bei Defiziten hat die Arbeitsagentur Angebote, die diese ausgleichen können. Attraktive Angebote rund um den Arbeitsplatz, eine adäquate Bezahlung, die Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, die Work-Life-Balance sind Faktoren, die Arbeitgeber interessant machen. Kreative Ideen bei der Suche gehören aus meiner Sicht in den Koffer, in den ein Unternehmen greifen muss, um seinen Personalbedarf zu decken.

// Was bedeutet Vollbeschäftigung?
Für Vollbeschäftigung gibt es tatsächlich keine festgelegte Definition. Bei der aktuellen Arbeitslosenquote um die drei Prozent würden einige Volkswirte von Vollbeschäftigung“ sprechen. In Geislingen wären wir also nicht mehr allzu weit davon entfernt. Solange noch mehr als 1.100 Menschen in Raum Geislingen arbeitslos sind, mehr als 300 auch seit mehr als einem Jahr dürfen wir uns nicht zurück lehnen. Deshalb werde ich erst von Vollbeschäftigung sprechen, wenn nur noch Stellenwechsler oder Menschen während einer kurzen Übergangsphase arbeitslos sind.

// Welche Vor- und Nachteile sind damit verbunden?
Für Arbeitnehmer bedeutet Vollbeschäftigung, dass nahezu alle Menschen, die arbeiten möchten, einen Arbeitsplatz haben. Das ist großartig. Die Kehrseite davon ist allerdings, dass dann Betriebe, die expandieren möchten und Personal suchen, in der Region keinen neuen Mitarbeiter mehr finden und andere Wege gehen müssen.

// Wie hoch ist der Anteil an Leiharbeitnehmern am hiesigen Arbeitsmarkt und wie sehen Sie die weitere Entwicklung in diesem Feld?
Aktuell arbeiten im Raum Geislingen rund 0,6 Prozent der Beschäftigten in der Zeitarbeit (Anmerkung: Im Agenturbezirk Göppingen liegt der Anteil bei 2,4 Prozent, in Baden-Württemberg bei 2,7 Prozent). Zeitarbeit ist als Instrument gedacht, das es Betrieben ermöglicht, mit Auftragsspitzen flexibel umzugehen. Da liegt es in der Natur der Sache, dass dort viele Einstellungen und Befristungen erfolgen.

Zeitarbeit ist aber auch ein Warnsignal. Wenn die Aufträge in den Unternehmen zurückgehen, werden Zeitarbeitsunternehmen Personal abbauen. Daher bleibt zu wünschen, dass beider Auftragsbücher voll bleiben. Anzeichen für einen Einbruch sehen wir in der Region im Moment nicht. Langfristig anhaltender Personalmangel könnte dazu führen, dass die Betriebe die Mitarbeiter direkt einstellen und Zeitarbeit deshalb zurückgeht. Verlässliche Einschätzungen sind meines Erachtens nicht möglich.

// Wenn Geislingen mit ähnlich großen Städten in der Umgebung verglichen wird – gibt es irgendwelche signifikanten Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt?
In Geislingen fällt auf, dass viele Menschen, die in der Fünf-Täler-Stadt wohnen, zum Arbeiten woanders hinfahren. Wir nennen das Auspendler. Ulm, Göppingen und auch Stuttgart sind durch die Lage Geislingens und die Verkehrsanbindung attraktive Städte, um dort zu arbeiten. Menschen, die außerhalb Geislingens wohnen, aber dorthin fahren, um zu arbeiten – Einpendler genannt -, gibt es wesentlich weniger.

// Jeder möchte studieren, die Nachfrage nach Ausbildungsberufen nimmt wie gesagt ab – was können Sie den Schulabgängern raten?
Letzten Endes entscheidet immer die Eignung, Neigung und die Interessen eines Jugendlichen darüber, welcher Weg der Beste ist. Pauschal kann man das nicht sagen. Ich möchte aber – auch mit meinem Blick als Vorsitzende der Arbeitsagentur auf den Arbeitsmarkt –für die duale Ausbildung zu werben. Zum einen hat man mit einer Berufsausbildung beste Einstiegschancen.

Leute mit Ausbildung sind extrem gesucht. Dazu kommt, dass man mit anschließender Weiterbildung auf der Karriereleiter bis nach ganz oben kommen kann. Letzten Endes steht man mit einer Ausbildung und Qualifizierung genauso gut da wie mit einem Studium. Die Arbeitsagentur unterstützt junge Menschen und Spätberufene, die bisher vielleicht noch keine Ausbildung gemacht haben, individuell.

// Wie viele offene Arbeitsplätze gibt es im Raum Geislingen?
Aktuell sind es 874. Das hört sich vielleicht nach nicht viel an. Das sind aber fast sechs Prozent mehr als vor einem Jahr. Dieses Plus spiegelt die positive Entwicklung bei den Betrieben wieder. Übrigens denken Arbeitnehmer heute regional mobiler als früher – für einen beruflichen Neustart kommen auch die offenen Arbeitsplätze außerhalb Geislingens in Frage. Und die liegen im gesamten Lkr Göppingen bei 4230.

// Was ist Ihrer Meinung nach der Beruf der Zukunft?
Ich würde weniger von einem Beruf, sondern von Branchen sprechen. Es gibt Studien, die Bereiche identifizieren, die auch in Zukunft sehr gefragt sein werden. Ein großes Thema ist die Pflege. Jeder, der hier eine Ausbildung macht, wird einen Arbeitsplatz finden. Jetzt und noch mehr in Zukunft, wenn man die demografische Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten anschaut. Große Chancen bieten zum Beispiel auch das Handwerk, technische und Gesundheitsberufe und der Handel. Und natürlich alles, was in Richtung Digitalisierung geht.

Thekla Schlör ist seit November letzten Jahres Leiterin der Agentur für Arbeit Göppingen. Der Bezirk der Arbeitsagentur umfasst die Lkr Göppingen mit den Geschäftsstellen Göppingen und Geislingen und den Lkr Esslingen mit den Geschäftsstellen Esslingen, Kirchheim, Leinfelden-Echterdingen und Nürtingen.

Hinweis: Aufgrund des Redaktionsschlusses und des Veröffentlichungsdatums der aktuellen Arbeitsmarktdaten liegen im Interview die Zahlen für Juli zugrunde.