Interview

Psychologische Familien- und Lebensberatung Geislingen

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Psychologische Familien- und Lebensberatung Geislingen

Interview mit Gerhard Betz

// Hallo Herr Betz, vielen Dank für Ihre Zeit. Ursprünglich wurde die Familientherapie entwickelt, um Familien mit einem psychisch kranken Mitglied zu behandeln. Das hat sich wahrscheinlich geändert, wenn man Ihren Aufgabenbereich auf Ihrer Homepage sieht. Wie kam es hierzu?

Auf jeden Fall! Die Familientherapie bezieht mehr als nur eine Person mit in die Beratung ein. Im Laufe der Zeit hat sich gezeigt, dass auch das Drumherum, die familiären Beziehungen näher betrachtet werden muss. Bei Konflikten und Beziehungen sind immer mehrere Menschen miteinander agierend verbunden. Wir müssen folglich gemeinsam am Problem und an den Lösungen arbeiten, was zur Weiterentwicklung geführt hat. Im übrigen arbeiten wir an der Beratungsstelle mit mehreren therapeutischen Methoden und im multidisziplinären Team.

// Angenommen, ein Ehepaar hat sich auseinandergelebt, Gespräche enden im Streit, die Zwillinge aus erster Ehe pubertieren und es gibt unterschiedliche Einsichten bei der häuslichen Finanzpolitik. Wo setzt man denn bei so vielen Fronten an?

Das gilt es herauszufinden. Viele Eltern und Paare kommen natürlich mit unterschiedlichen Konflikten, seien es Finanzprobleme, die Herkunft, die Kinder oder Dinge die das Paar und die Familie insgesamt betrifft. Hier gilt es gemeinsam zu sortieren, man muss priorisieren, wo setzt man an, was steht im Vordergrund, da nicht alles gleichzeitig angegangen werden kann. Wir basteln eine kleine Liste und überlegen uns gemeinsam, wo der Focus gesetzt wird.

// Wie lange dauert eine Paartherapie?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir in der Beratungsstelle machen oft die Erfahrung, dass auch drei bis vier Gespräche ausreichend sind. Die Hauptfrequenz sind sechs bis acht Sitzungen, die sich auch über ein halbes Jahr ziehen können. Manchmal reicht natürlich auch eine Sitzung bzw. ein Gespräch. Es kommt allerdings vor, dass sich die Beratungen über mehrere Jahre ziehen. Wir sind flexibel und richten uns nach den Bedürfnissen der Ratsuchenden je nach familiärer Situation.

// Während der Corona-Situation waren Sie ja nur überwiegend telefonisch erreichbar. Hat sich jetzt, wo Mama, Papa und die Kinder mehr Zeit zu Hause in Gemeinsamkeit verbracht haben oder verbringen, etwas verändert?

Verändert hat sich das Stresslevel. Je länger der Lock-down war bzw. noch ist und Kitas, Schulen oder Arbeit weggefallen sind, je mehr haben sich die Krisen verschärft. Es ist unterschiedlich, wie die jeweiligen Familien damit zurechtkommen, bei manchen ist es entlastend, wenn der Papa mal zu Hause ist. Meistens aber ist alles sehr ungewohnt und belastend. Home-Schooling (die Eltern werden zu Lehrern. Viele Lehrer verschicken Lernpakete, die es zu Hause zu bearbeiten gilt, da bleibt viel bei den Eltern hängen), Home-Office, die Kinder durften nicht raus um Freunde besuchen, das alles erhöht stark das Stresslevel.

// Ausgangsbeschränkungen, kaum Kontakt zu Freunden, zu wenig gute Aufklärung: Besonders für ängstliche Menschen ist das Leben in der Corona-Krise sehr belastend. Wie können Sie diese Menschen aufbauen, ohne selber zu wissen, wie es denn weitergeht?

Klar kann die Situation Ängste hervorrufen oder vorhandene Ängste verstärken, auch bei Erwachsenen. Stichwort Kurzarbeit oder auch wie geht es weiter in der Firma, aber auch der Mangel an sozialen Kontakten. Momentan erleben wir die Lockerung, aber acht Wochen zurück war das alles noch eine andere Nummer. Es werden Unsicherheiten ausgelöst, die kann man nicht mal schnell wegwischen oder wegdiskutieren. Die Frage ist: Haben wir Einfluss darauf? Nein, die Einschränkungen kommen von außen – sind fremdbestimmt – und das müssen wir erstmal akzeptieren. Wir müssen uns klar werden, dass wir nicht schuld an der Situation sind und können sie somit besser hinnehmen. Aus Schutzgründen wäre dies der erste Schritt, um das beste aus der Situation machen. Allerdings handelt es sich hier um eine durch eine Naturkatastrophe ausgelöste Situation. Überforderungsgefühle und Stresssituationen sind hier normale Reaktionen. Vielen Menschen geht es so. Ein Fahrplan wie es weitergeht hilft, hier ist die Politik gefordert. Es ist alles leichter zu ertragen wenn ich weiß, wann die Veränderung hin zur Normalität eintritt.

// Sie machen den Job in Geislingen seit bereits 20 Jahren. Hat sich in dieser Zeit etwas verändert?

Wenn ich mir die letzten Jahre anschaue, dann werden die Probleme der Paare und Familien komplexer. Unsere Gesellschaft hat vergleichen mit früher unterschiedlichere Lebensformen, beispielsweise mehr Scheidungs-, Patchwork – oder Regenbogenfamilien. Hier hat sich viel verändert. Wir merken auch, dass die Zahl der psychischen Probleme/Erkrankungen zugenommen hat, Depressionen und Angststörungen von Einzelpersonen beispielsweise.

In den letzten 10-15 Jahren gerieten Familien mehr unter Druck, die Dinge richtig zu machen. Was ist in der Erziehung richtig? Googeln Sie mal Erziehungsratgeber, da gibt es 400.000 Aufrufe. Die Erziehungsunsicherheit ist stark angestiegen. Früher war klar, wie die Kinder erzogen werden. Heute gibt es weitaus mehr Möglichkeiten, was einerseits eine Chance ist. Man muss aber auch auswählen, was wiederum verunsichern kann. Eltern wollen eine gute Bildung ermöglichen, das ist der Schlüssel für eine gute Zukunft wird uns gesagt. Gleichzeitig sollen wir flexibel am Arbeitsplatz sein und Familie und das alles unter einen Hut bekommen, das ist eine schwierige Sache.

Die erfreuliche Entwicklung in den letzten 20 Jahren ist, dass es selbstverständlicher wurde, Beratung und Hilfe anzunehmen. Man kann ja auch mit einfachen Fragen zu uns kommen, ein Anruf genügt wie gesagt. Auch haben Ratsuchende mit Migrationshintergrund stark zugenommen, vor allem während der Flüchtlingskrise. Wir haben auch mehr Klienten höheren Alters, die sagen wir um die 80 sind, dies war früher auch nicht so der Fall.

// Nehmen Sie Ihre Arbeit denn nicht oft mit nach Hause oder schafft man es mit der Zeit einfach abzuschalten?

Manchmal beschäftigen die Situationen und Schicksale einen schon, das geht nicht spurlos vorbei. Wir arbeiten bei uns im Team, das heißt der Austausch mit Fallbesprechungen und allem was dazugehört ist immens wichtig. Dieser Austausch ist ein wichtiges Mittel, damit wir die Fälle nicht mit nach Hause nehmen. Aber als Mensch lässt sich das nie ganz vermeiden. Das ist ja ganz klar.