Interview

Sascha Binder

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Sascha Binder
Der neue SPD Generalsekretär in Stuttgart

Sascha Binder

// Hallo Sascha, vielen lieben Dank für deine Zeit. Schon damals auf dem Pausenhof zwischen Helfenstein-Gymnasium und Fachhochschule warst du immer der höfliche, soziale und überall respektiere Junge. Wann hast du beschlossen, in die Politik zu gehen?
Naja, ob die oben genannte Beschreibung meines Verhaltens in der Schulzeit stimmt, mag ich nun nicht in allen Einzelheiten bestätigen (lacht). Ich habe nicht irgendwann beschlossen in die Politik zu gehen und danach alles ausgerichtet. Ich bin eher Schritt für Schritt hineingewachsen. Es fing mit meinem Engagement in der Jugend bei der Turngemeinde Geislingen an. Mit dem Jugendgemeinderat und meinem Einstieg bei den Jusos kam dann sicher der nächste Schritt, wobei auch damals noch nicht die große Politik das Ziel war. Die Kommunalpolitik fand ich immer spannend und ich freue mich jedes Mal auf den Gemeinderat, das ist so ein Gefühl, nach Hause zu kommen.

// Du bist mit 69% zum Generalsekretär gewählt worden. Herzlichen Glückwunsch dafür! Wie sehen deine neuen Aufgabengebiete aus und wie wirken sich diese auf deine Heimat Geislingen aus?
Vielen Dank für die Glückwünsche! Meine Aufgabe, ich will es an einem Beispiel fest machen. Die SPD strengt ein Volksbegehren für gebührenfreie Kitas an. In meine Zuständigkeit fällt die Organisation, inhaltliche Vorbereitung und die Kampagne. Ebenfalls habe ich die Personalverantwortung für unsere hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und dem Generalsekretär fällt traditionell die Aufgabe der Zuspitzung bei politischen Debatten zu. Meine Heimat Geislingen hat mich bereits zwei Mal als Abgeordneten nach Stuttgart oder als Stadt- und Kreisrat gewählt. Dieser Verpflichtung gehe ich weiter nach. Mein Herz schlägt für meine Heimat.

// Der Politik wird vorgeworfen, sich zu weit von den Menschen entfernt zu haben. Was ist deine Meinung dazu?
Wenn man sich Leserbriefe oder auch Diskussionen in den sozialen Medien anschaut, dann mag tatsächlich der Eindruck entstehen, dass sich die Politik und die Bürger in verschiedenen Welten bewegen. Die Gewählten sollten aber jenseits der Sozialen Netzwerke von den Wählern ansprechbar bleiben. Ob im Sommer auf dem Geiselstein, in der „Spitze“ oder am Samstag auf dem Wochenmarkt überall sprechen mich Bürgerinnen und Bürger jenseits meiner Bürgersprechstunden an. Das ist wichtig. Denn das erdet mich und fördert das Verständnis der Bürgerschaft für manche komplexe Entscheidung, die wir im Land, im Kreis oder in der Stadt treffen müssen.

// Auf der Welt ist ein spürbarer Druck von rechts zu erkennen. Des Weiteren geht man von der sachlichen Diskussion hin zu populistischen Aussagen. Wo siehst du den politischen Diskurs in 5-10 Jahren?
Da ich davon ausgehe, dass wir unsere Zukunft in weiten Teilen selbst gestalten, wird es von uns selbst abhängen wie der politische Diskurs in 10 Jahren aussieht. Ich werde dafür eintreten, dass der politische Kompromiss nach ordentlicher Meinungsbildung und Diskussion weiter ein wichtiger Wert der Demokratie bleibt und nicht als Gleichmacherei abgestempelt wird. Gerade in der Kommunalpolitik ist der Kompromiss unverzichtbar. Allerdings habe ich in den letzten Monaten zunehmend den Eindruck bekommen, dass Kompromisse oft als Umfallen der ein oder anderen Seite gesehen wird und nicht als wertvoller Beitrag zu einer demokratischen Entscheidung. Wir tragen dabei alle Verantwortung.

// Die SPD setzt sich für gebührenfreie Kitas im Land ein. Weil dieser Vorschlag bisher im Parlament keine Mehrheit fand, lässt sie nicht locker und steuert auf ein Volksbegehren zu. Wie ist deine Meinung dazu?
Aus vielerlei Gründen bin ich für die Gebührenfreiheit. Durchschnittlich hat eine junge Familie in Baden-Württemberg ein monatliches Einkommen von rund 3.200 €. Gleichzeitig müssen diese Familien bei zwei Kindern im Schnitt zwei Monatsgehälter für eine U 3 Betreuung ausgeben. Familien zahlen auch im Landkreis Göppingen unterschiedlich hohe Gebühren. Wir wollen Familien entlasten und dafür sorgen, dass es bei der Gebührenhöhe nicht darauf ankommen darf, in welcher Gemeinde ein Kind geboren wird.

//Die SPD steht laut einer Umfrage im Januar bei 14%. Wie konnte das passieren und wie könnt ihr wieder „auf die Beine kommen“?
Die SPD hat nach dem Scheitern von Jamaika und im Fall Maaßen Vertrauen verloren und trotzdem im Bund wichtige Reformen auf den Weg gebracht. Das Gute-Kita Gesetz oder dass Krankenkassenbeiträge wieder von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu gleichen Teilen bezahlt werden, hat die SPD maßgeblich voran gebracht. Mit Spiegelstrichen allein werden wir das Vertrauen und damit die Herzen der Menschen nicht zurückgewinnen. Es geht schlicht darum, zu sagen was wir tun und das zu tun was wir sagen. Vertrauen kann man über Nacht verlieren, es aber nicht am nächsten Tag zurück gewinnen. Wir sind sicher, dass wir im Land unter anderem mit der Forderung nach der Abschaffung der Kita-Gebühren oder nach einer Landeswohnungsbaugesellschaft für mehr Wohnraum wichtige Probleme von Menschen in den Blick nehmen.

// Aktuell zum Thema Datenschutz: Nach der Festnahme eines Hackers im Fall des massenhaften Diebstahls privater Daten von Politikern hat sich seine Bürgermeisterin gemeldet. “Es gibt einen gewissen Stolz, dass es jemand war, der von hier kommt”, sagte Claudia Blum (SPD). Was sagst du dazu?
Diese Aussage ist völliger Quatsch. Es käme niemand auf die Idee, stolz auf die „Leistung“ eines klassischen Einbrechers zu sein, daher kann ich auch nicht nachvollziehen, wie man stolz auf einen digitalen Einbrecher sein kann. In beiden Fällen wird, neben den damit einhergehenden realen, materiellen Verlusten, vor allem auch der intimste Bereich der betroffenen Menschen verletzt.

// Als praktizierender Rechtsanwalt in Geislingen, wieviel Zeit hast du für dein Leben als Politiker?
Für meinen Beruf habe ich immer weniger Zeit. Das bedauere ich sehr, denn es war bereits in der Schule der Beruf, den ich immer ergreifen wollte. Mein Terminkalender wird vornehmlich aus meinem Landtagsbüro und jetzt auch aus meinem Büro in der SPD-Landesgeschäftsstelle am Wilhelmsplatz bestimmt.

// Zur Work-Live-Balance. Du bist wie gesagt Rechtsanwalt, Politiker, Vater und machst etliches Ehrenamtliches. Wie bekommst du das alles so wunderbar unter einen Hut?
Ob ich es wirklich wunderbar hinbekomme, müssen wohl eher andere entscheiden. Dennoch gelingt es mir immer noch Rückzugsorte zu bewahren, das sind zwei Wochenenden im Monat, die nur für meine Kinder reserviert sind, dies ist im Sommer das TG-SC-Zeltlager und in der fünften Jahreszeit die Kreissäge, mehr braucht es nicht um für den Rest bei Kräften zu bleiben ;-).

// Passend zur Faschingszeit: Du bist dieses Jahr auf den Plakaten für die Kreissäge und immer sehr engagiert in der 5. Jahreszeit. Was bedeutet Fasching für dich?
Wie schon erwähnt sind die Faschingszeit und dabei vor allem die Kreissäge ein wichtiger Ausgleich und eine wichtige Kraftquelle für den Rest des Jahres. Mein Großvater mütterlicherseits war Gründungspräsident der Kreissäge. Mein Großvater väterlicherseits stand in der Bütt beim früheren Fasching des SC Geislingen. Die Fasnet wurde mir also in die Wiege gelegt. In diesem Sinne: Mir sägat au!