Interview

Interview mit Karl Grözinger – WMF Ausbildung

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Interview mit Karl Grözinger – WMF Ausbildung

Ausbildungsleiter WMF Group

Vielen Dank an Karl Grözinger, seit 19 Jahren Ausbildungsleiter der WMF in Geislingen, der uns interessante Einblicke in die Bereiche Ausbildung, Schulabschlüsse, Bewerbungen und Vorstellungsgespräche gibt.

// Guten Tag Herr Grözinger, vielen Dank für Ihre Zeit. Welche Ausbildungsberufe und Dualen Studiengänge bietet die WMF Group 2021 an?

Wir haben den Kaufmann für Büromanagement (m/w/d) hier in Geislingen und den Industriekaufmann (m/w/d) an unserem Standort in Birkenfeld. Die dreijährige Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel (m/w/d) findet in unseren Filialen an verschiedenen Standorten statt.

Im technischen Bereich bilden wir zum Mechatroniker (m/w/d) im Bereich Mechatronik und zum Fachinformatiker (m/w/d) in der Fachrichtung Systemintegration aus. Für Schüler mit mindestens guter (Fach-)Hochschulreife bieten wir Studiengänge in Mechatronik in Kooperation mit der Hochschule Esslingen/Göppingen sowie Wirtschaftsingenieurwesen in Kooperation mit der DHBW Heidenheim an. Im kaufmännischen Bereich den Studiengang Wirtschaftsinformatik mit der DHBW Stuttgart sowie die Studiengänge BWL/International Business und BWL/Digital Business Management in Kooperation mit der DHBW Heidenheim an.

// Wie viele Ausbildungsplätze werden jährlich angeboten und wie viele Lehrlinge haben Sie in ihren 35 Jahren Berufsleben mitbegleitet?

Das sind eine ganze Menge. Ich bin jetzt 19 Jahre bei der WMF, war aber davor schon 16 Jahre bei Märklin in Göppingen. Mit durchschnittlich 35-40 neuen Auszubildenden pro Jahr gerechnet komme ich mit Sicherheit auf knappe 1.000 junge Menschen. Derzeit werden auch Corona bedingt nur 25 Ausbildungsplätze angeboten.

// Wo sehen Sie die aktuellen Ausbildungsberufe in den nächsten 10 bis 20 Jahren?

Wir erleben immer mehr Bedarf an IT und Elektronik, viele ehemals klassische handwerkliche Berufe haben heute mit Strom und Datenverarbeitung zu tun. Nehmen wir das Beispiel des Industriemechanikers – diese müssen heute selbstverständlich IT – Kenntnisse haben. Vor 20 Jahren mussten der typische „Handwerker“ kein Excel oder Word kennen. Heute lernen sie das bereits in den ersten Wochen.

In Deutschland haben wir ca. 330 Ausbildungsberufe. Der Trend geht in vielen Berufen vom Spezialisten zum Generalisten. Das Spezialistentum wird dann später im Berufsleben angearbeitet. Industrie 4.0 und viele weitere Entwicklungen können nur mit übergreifendem Wissen funktionieren. Es geht um das generelle Verstehen. Ich muss wissen, woher was kommt und wofür mein Wissen dient bzw. gebraucht wird.

// Welche Kooperationen haben sie mit anderen Unternehmen im Geislinger Raum?

Wir arbeiten mit den Firmen Bosch in Mühlhausen, Carl Stahl in Süßen und Hörauf in Donzdorf zusammen. Deren Azubis sind momentan bei uns und erlernen die grundlegenden Fertigkeiten und Kenntnisse ihres Ausbildungsberufs. Die großen Unternehmen müssen die Kleineren unterstützen – diese sind meist spezialisiert und haben keine Lehrwerkstatt.

Wenn oben genannte Firmen jetzt einen Industriemechaniker ausbilden möchten, dann kann es sein, dass sie nicht über alle Maschinen verfügen, die für die Ausbildung nötig sind – wir haben diese allerdings. Das Wissen, das ihnen im heimischen Betrieb nicht vermittelt werden kann, übernehmen wir. Das ist natürlich auch interessant für uns: Wir stimmen die Bedarfe mit den Firmen ab und lernen somit auch andere Unternehmen von innen kennen. Wenn dann die gewünschten Inhalte vermittelt sind, geht es wieder zurück in das eigentliche Ausbildungsunternehmen.

// Haben Sie Tipps für Schülerinnen und Schüler, die eine Ausbildung suchen?

Grundsätzlich rate ich immer sich helfen zu lassen. Die Jugendlichen sind zwischen 14 und 16 Jahre alt und sollen sich für einen Beruf entscheiden, den sie dann die nächsten 50 Jahre ausüben sollen. Das kann in dem Alter doch keiner wissen. Lasst euch beraten, sei es bei der Berufsberatung, bei der Agentur für Arbeit oder auf Messen. Auch Praktika sind enorm hilfreich.

Wichtige Ratgeber sind Eltern und Lehrer, die eure Stärken durchaus einschätzen können. Ein Fremdbild einzuholen ist immer wichtig. Außerdem: Nicht aufgeben! Seid bereit, vielleicht ein paar Kilometer von daheim wegzugehen, raus der Komfortzone, weg von Mutters Rockzipfel. Das macht richtig erwachsen.

// Wann macht ein Studium Sinn und wann eine Ausbildung?

Das ist sehr abhängig von der Person. Ein Studium ist theorielastig, die Ausbildung eher praxisorientiert. Ich empfehle erst eine Berufsausbildung und dann ein Studium. Wir haben dieses Jahr drei Studierende, die eine Ausbildung gemacht haben, dann die Fachhochschulreife und jetzt bei uns ein Studium absolvieren.

Vor allem für die „Schulmüden“ ist dies ein guter Weg … außerdem dauert dies unterm Strich nicht wesentlich länger als das Abi plus Studium. Diese Leute werden später in Unternehmen sehr stark gesucht, da sie (auch kaufmännisch) einfach mal hinlangen können.

// Wie sehen die Übernahmechancen nach der Ausbildung aus?

Wir übernahmen unsere Azubis in den letzten Jahren größtenteils unbefristet bis zur Rente. Seit Corona gibt es mehr befristete Verträge mit der Hoffnung, diese in einen unbefristeten umzuschreiben. Wir investieren in die jungen Menschen und wollen das Wissen im Unternehmen halten.

// Welche Erwartungen stellen Sie an Bewerber?

Ich hätte gerne junge Menschen, die neugierig, lernwillig und interessiert sind. Talent gehört natürlich auch dazu. Ich will Fragen hören, das wird hier geübt und trainiert! „So ischs halt“ kommt zwar auch vor, aber nachzuhaken ist überaus wichtig.

// Welche Sätze möchten Sie in Bewerbungen nicht lesen?
Da fällt mir eigentlich nichts ein, die Bewerber sind noch so jung – ich verstehe das Geschriebene dann schon. Fehlerfrei sollte die Bewerbung allerdings sein. Wenn die Formulierungen ein wenig komisch sind, dann haben sie dennoch alle Chancen, allerdings lege ich Wert auf eine sorgfältige Bewerbung.

// Warum sollten talentierte junge Menschen ausgerechnet bei der WMF arbeiten?

Weil wir als Marktführer in allen Bereichen gute Fachkräfte benötigen, auch um Marktführer zu bleiben. Hier können sich die talentierten Menschen beweisen und bekommen viele anspruchsvolle Aufgaben. Wir werden von der Konkurrenz immer gejagt und brauchen Leute, die sich nicht zurücklehnen. Wir brauchen diejenigen, die sagen, wir müssen schneller, besser und weiter sein als die Konkurrenz. Die Entwicklungsmöglichkeiten für junge Menschen sind groß.

// Die deutsche Ausbildung wird international sehr gelobt. Gibt es denn umgekehrt etwas, das wir vom Ausland lernen können?

In anderen Ländern gibt es vielleicht etwas mehr Flexibilität. Durch unsere bundeseinheitlichen Rahmenpläne und Paragrafen haben wir klare Vorgaben, die es einhalten gilt. Aus wenn es nicht immer passt. Was die Qualität der Ausbildung angeht, sind wir in Deutschland ganz vorne mit dabei. Das zeigt sich auch bei der geringen Jugendarbeitslosigkeit im Land.

Ich bin enorm stolz auf dieses System, andere wären heilfroh dies zu haben. Wir haben unser Ausbildungssystem seit dem Mittelalter und haben dies ständig weiterentwickelt – das kommt uns natürlich zugute!

// Was halten Sie von Schulabschlüssen und Schulzeugnissen?

Sehr viel. Wenn ich die Zeugnisse und Abschlüsse nicht verwende, dann würde ich alles was die Lehrer 12 Jahre geleistet haben in Frage stellen.

„Was der Lehrer sagt davon halte ich nichts“ – nein, das ist nicht mein Stil. Ich habe doch aufgrund der Noten die Möglichkeit zu fragen: “Warum hast du in Mathe eine 3 oder in Physik eine eins.“

// Was treibt Sie an, junge Menschen bei der Ausbildung zu unterstützen?

Es macht einfach Spaß mit jungen Menschen zu arbeiten. Es macht große Freude zu sehen, wie sie immer besser werden, immer mehr können, immer selbständiger werden. Natürlich macht es auch stolz, zu sehen, wie man das schlussendlich dann gemeinsam hinbekommen hat.