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Das ehemalige Schlachthaus

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Das ehemalige Schlachthaus
Als die Rätsche noch das Schlachthaus war

Das ehemalige Schlachthaus

Ganz ehrlich, wie mir aufgetragen wurde, diesen Artikel über das Schlachthaus zu schreiben, war ich um keine Ausrede verlegen. Ich wollte das nicht tun. Nicht, weil ich Vegetarier oder Veganer wäre, nein, mir schmeckt Fleisch und das sollte doch auch bitte so bleiben. Natürlich bin ich, wie viele andere auch, ein Leugner. Zur Gewinnung des Fleisches, das ich esse, werden selbstverständlich keine Tiere getötet. Nein, mein Fleisch kommt vom Fleischer und wächst da automatisch in der Kühltheke nach. Etwas anderes wollte ich erst gar nicht wissen, zu viel Realität kann der Seelenruhe (und dem Fleischgenuss) schaden. Wenn es Menschen gibt, die an die flache Erde glauben, warum kann ich dann nicht bitte daran fest halten?

Nun bekam ich also die Nummer von Josef Heichel, ehemaliger Mitarbeiter vom Geislinger Schlachthof und bald darauf durfte ich zu Herrn Heichel zum Interview gehen. Er empfing mich an der Haustreppe. Seine später hinzugekommene Gattin und er waren mir vom ersten Moment an sympathisch. Josef Heichel, ein großer, intelligenter, weltoffener Mensch mit riesigen Händen, denen man ansieht, dass sie viel geleistet haben. Er hatte jede Menge Zeitungsartikel zum Thema Schlachthof auf dem Tisch ausgebreitet, zeigte mir Bilder, erklärte Sachverhalte und hatte sogar noch die ein oder andere Anekdote auf Lager, die mich sehr zum Lachen brachte. Josef Heichel, Jahrgang ’33, kam als Vertriebener aus dem Sudetengebiet mit seinen Eltern hierher ins Schwabenland.

Bild: Fest “Rund um die Sau” in Türkheim

Der Vater fand schnell eine Anstellung in der WMF und verdiente sich noch ein Zubrot bei einem Pferdezüchter in Steinenkirch, wo die Familie in einem Lager untergebracht war. Er hatte viel Erfahrung und ein glückliches Händchen mit den edlen Tieren und so war er gerne gesehen in den Ställen des Züchters. Sohn Josef Heichel wäre sehr gerne Förster geworden, aber das sollte für ihn ein Traum bleiben. Lange überlegte er, welche Ausbildung er wohl mache könnte und so entschied er sich schließlich dazu, Metzger zu werden. Denn das Schlachten von Tieren war für ihn als Jäger und in der Landwirtschaft erfahrenen jungen Mann nicht fremd oder abstoßend. Einige Jahre nach seiner Ausbildung bekam er nun 1958 als nur 24-jähriger die Chance, im 1955 neu gebauten, super modernen Geislinger Schlachthof als Aufseher zu arbeiten.

Zuvor gab es ja zwei Schlachthöfe in Geislingen. Den Geislinger und den Altenstädter. Als nun die MAG ihr Areal in Geislingen vergrößern wollte, war der Schlachthof im Weg. Auch sollte ein Platz gefunden werden, der etwas außerhalb lag, da ein Schlachthof immer eine erhebliche Lärmkulisse mit sich bringt und der Geruch für Städter Nasen nicht unbedingt angenehm ist. Also fand man dieses Areal nahe der Wölk und es schien ideal, da dort damals noch nicht viele Häuser standen.

Den Titel „Aufseher“ konnte Josef Heichel nie leiden, da er ihn so sehr an einen Gefängnisaufseher erinnerte und wie in einem Gefängnis ging es im Schlachthaus ja nun nicht zu. Er war noch reichlich jung, wie so manche fanden, aber Dr. Knödler, der Veterinär, der damals den Schlachthof unter sich hatte, sah das Potential, das in ihm steckte und hatte vielleicht auch die Hoffnung, einen jungen Menschen besser formen zu können. Nun, formen ließ sich Heichel vielleicht zu Anfang, dann aber wusste er, wie der Hase lief und gab selbst den Ton an. Das Schlachthaus wurde damals von der Stadt betrieben.

Das heißt, die Räumlichkeiten und das Personal gingen auf Kosten der Stadt. Die 30 ortsansässigen Metzger organisierten dann die Tiere, die von Viehhändlern aus der ganzen Gegend angekauft und hergefahren wurden. Für das Schlachten wurden dafür Gebühren an die Stadt gezahlt. Für kleinere Tiere wie Schweine und Kälber wurde eine Pauschale veranschlagt, bei Großtieren wurde dann pro Kilo abgerechnet. So wurden in der Woche zwischen 50 und 60 Großtiere, wie Kühe, Bullen, Ochsen und 1000 Schweine geschlachtet. 1994 war dann Schluss, der Betrieb schloss seine Pforten und Josef Heichel ging nach 36 Jahren Schlachthof in Pension. Auch heute noch rankten sich wüste Gerüchte um den Schlachthof, wie alle Metzger tränken hin und wieder das Blut der Tiere. Aber da wurde wohl was verwechselt, denn das sind schließlich Metzger und keine Vampire. Oder die Tiere wären im Geislinger Schlachthof von den natürlich durch und durch diabolischen Metzgern gequält und geschlagen worden.

Bild: Abschiedsfest vom Schlachthof

Nun muss man wissen, dass Tiere, die Stress erleiden, wie er durch Qual und Schläge hervorgerufen wird, dazu neigen, jede Menge Adrenalin auszuschütten. Dieses Adrenalin sorgt dafür, dass das Fleisch der Tiere wässrig und geschmacklos wird. Nun hatten damals die ortsansässigen Metzger, die zum Geislinger Schlachthof kamen, um ihrer Arbeit nachzugehen, einen Ruf zu verlieren. Wäre bei ihnen jemals solch ein Fleisch über die Ladentheke gegangen, hätte sich das in Windeseile in der Stadt herum gesprochen und der Metzger vermutlich sein Bündel schnüren können. Daher wurde schon alleine im Hinblick auf die Fleischqualität darauf geachtet, die Tiere unter gar keinen Umständen zu stressen oder ihnen unnötige Pein zuzufügen. Zu dem arbeiteten auch im Schlachthof Menschen, die Tiere mochten.

Josef Heichel hatte beispielsweise immer Hunde, Katzen und andere Haustiere um sich. Viele werden nun denken, wie denn so etwas vereinbar ist. Doch es geht durchaus beides. Der Mensch kann einem Tier, das er zum Nahrungserwerb tötet, trotzdem Respekt entgegenbringen. Natürlich geht das nur in solch kleinen Betrieben, wie unserem früheren Geislinger Schlachthof. In Großschlachtereien, wo teilweise nicht einmal darauf geachtet wird, ob ein Tier durch die Betäubung auch weggetreten ist, weil schlachten im Akkord stattfinden muss, ist so etwas natürlich nicht mehr möglich.

Wenn ein Stück Fleisch für 1,99 Euro das Pfund auf meinem Teller liegt, weiß ich, das hat nichts mehr mit Respekt dem Tier gegenüber zu tun. Schon dessen Haltung kann nicht artgerecht gewesen sein, denn für 1,99 Euro das Pfund kann kein Tier richtig gehalten werden. So kommt es, dass diese armen Mitlebewesen weder fair gehalten, noch geschlachtet werden können. In Bezug auf Fleisch kann Quantität niemals Qualität sein. Wenn in Lebewesen durch die halbe EU chauffiert wird, ohne Wasser und Nahrung und mehr tot als lebendig dann am Schlachtort ankommt, nur damit der Händler EU Gelder kassieren kann, um das Fleisch noch günstiger anbieten zu können, dann läuft etwas gehörig falsch.

Eure Andrea

Titel-Foto: Archiv, GEISLINGER ZEITUNG