koi travel

Istanbul

-
Istanbul
Die Stadt auf zwei Kontinenten

Istanbul

Wie kommen wir in den »Orient Express«, ohne einen Mord zu begehen oder Agatha Christie über den Weg zu laufen? Der bzw. das »Orient Express« ist nämlich unser Hotel, ganz in der Nähe des »Gari«, wo vor Jahri noch der Orienti Expressi über Bukarest, Wien, Paris nach London abfuhr, und in dem Albert Finney als Hercule Poirot sich mit Sean Connery, Ingrid Bergman, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Richard Widmark und vielen anderen berühmten Schauspielern anlegte.

Wir entscheiden uns für ein »Taksi«. Der Fahrer versteht allerdings nur Bahnhof. Das hindert ihn aber nicht daran, sich in das 17-Millionen-Großstadt-Verkehrsgetümmel zu stürzen, immer wieder laut hupend, das Handy ständig am Ohr, um jemanden zu finden, der weiß, wo das »Orient Express« liegt. Er findet dann auch jemanden, der das ganz genau – nicht weiß. Also kurvt er mit uns stundenlang durch die schönen und engen Altstadtgassen vom Stadtteil Sultanahmed, fragt diesen und jenen Passanten, die alle ganz genau wissen, wo das Hotel liegt, nur zeigt jeder in eine andere Richtung. Irgendwann finden wir es doch, denn ich hatte die Fassade schon einmal im Internet gesehen und wir checken ein. Auf zum Stadtbummel! Abends dann Spießrutenlaufen durch die Restaurantmeile. Jeder meint, uns in das beste Restaurant leiten zu müssen und in Kürze haben wir eine Sammlung von Visitenkarten. Dann lassen wir uns doch bequatschen, aber da gibt es das Bier nur drinnen im ersten Stock, wo die strengen Augen des Imams von der gegenüberliegenden Moschee nicht hinreichen. Hier ist es aber ungemütlich. Also Abmarsch aus der Bannmeile und ein Stück weiter die Straße entlang. Hier fließen Bier und Wein in Strömen.

Der nächste Tag begrüßt uns mit viel Lärm von der Straße unten, wo alle paar Minuten die Straßenbahn mit lauten Hupen und Klingeln die Leute von den Schienen scheucht. Es sind angenehme 34 Grad und wir marschieren die paar hundert Meter erst ins »Arkeoloji Müzesi«, was natürlich Archäologisches Museum heißt, so einfach ist türkisch, dann zur Hagia Sophia zwecks Innenraum-Besichtigung. Auf dem Platz davor tobt der Touristenbär. Endlosschlangen haben sich vor dem Kassenhäuschen gebildet. Wir machen ein paar tolle Fotos von Sophia und marschieren weiter zur »Blauen Moschee« gleich gegenüber. Die heißt auch »Sultan Ahmed Camii«, also Sultan Achmed Moschee. Wir beglückten die Nasen der Leute mit unseren qualmenden Socken, denn die Schuhe müssen draußen bleiben und unsere beiden Frauen binden sich ein Kopftuch um. Bei uns Männern verzichtet man großzügig darauf. Ist schon toll, die Blaue Moschee mit den blauen Kacheln an den Wänden und den bunten Glasfenstern. Unbedingt zu empfehlen!

Später geht es über den »Großen Basar«. Der will gar nicht wieder aufhören. Wir flanieren an tausend exotischen Dingen und Gerüchen vorbei mit gelegentlichem Small-Talk mit den Besitzern der Stände, die überhaupt nicht verstehen können, dass wir nicht sofort ihren gesamten Stand leerkaufen.

Die Straßenbahn bringt uns tags darauf vom Hotel über die »Galata Köprüsü«, was natürlich Galata-Brücke heißt, über das »Haliç« (sprich: Chalitsch), was wiederum natürlich »Goldenes Horn« heißt, zu einer unterirdischen Drahtseilbahn, die uns auf den »Taksim«-Platz zieht. Hier beginnt die berühmte »Istiklal Caddesi«, Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße Istanbuls im Stadtteil »Beyoğlu«. Hier tobt das Istanbuler Leben. Man hört alle Sprachen und sieht junge Mädchen, gekleidet in Hot Pants bis Burka mit Sehschlitz. Wir wollen auch auf den Galata-Turm, der einen fantastischen Blick auf Bosporus und Goldenes Horn bietet, aber die Schlange ist uns zu lang.

Weiter geht es durch Gassen und Gässchen und wir entdecken eine Besonderheit des türkischen Lebens: Wenn nämlich der gemeine geschäftstüchtige Türke sich selbstständig machen und vielleicht einen Laden eröffnen will, dann schlendert er, genau wie wir, durch die Gassen und entdeckt ein Lädchen, das verkauft, sagen wir ’mal Wasserpumpen. Nebenan ist ein zweites Lädchen, auch das verkauft Wasserpumpen. Und daneben? Wieder ein Laden mit Wasserpumpen. In der ganzen Straße ist überhaupt ein Wasserpumpenladen neben dem anderen. Und am Ende ist ein kleiner Laden zu vermieten. Den mietet unser Türke, und was verkauft er dort? Klar: Wasserpumpen! Nach dem Motto: Konkurrenz belebt das Geschäft, das kriegen bei uns zu Hause nur die Apotheker fertig. Nach dem Wasserpumpenviertel gelangen wir ins Glüh- und Lampenviertel. Hunderte (wirklich!) von Lampengeschäften reihen sich mehrere Straßen lang hintereinander, dann kommt das Teppichviertel und so weiter. Später sitzen wir auf der Dachterrasse neben dem Galata-Turm und bewundern den Sonnenuntergang, der Hundert Minarette rot färbt und sich in den Fenstern großer Gebäude bis hin zur asiatischen Seite spiegelt. Ein traumhafter Anblick! Dann geht die Sonne unter, die Moscheen erstrahlen im Scheinwerferlicht und die Bosporus-Brücke, die Europa und Asien verbindet, bietet eine Lichtshow. Die Seile wechseln ständig ihre Farben, von Hellrot bis Tiefblau oder flackern in Weiß wie ein Stroboskop. Wow!

Heute, am Donnerstag, ist die große Bosporus-Tour angesagt. Die Sonne knallt vom Himmel. Wir tuckern unter den beiden großen Brücken hindurch, die Europa mit Asien verbinden, bis hin zum Schwarzen Meer. Wir passieren traumhafte Villen, moderne Gebäude, prächtige Paläste, alte Dörfer, und grüne Hügel. Hier wohnt die türkische High-Society am dreckigen Wasser. Der Bosporus und auch das Goldenen Horn sind wirklich wahnsinnig verschmutzt, überall schwimmen Unmengen von Plastikteilen herum und dazwischen eine Delphinschule auf dem Weg ins Schwarze Meer. Wie die dort hingekommen sind ist mir schleierhaft, denn dort wimmelt es nur so von Schiffen und Fähren und die machen einen Höllenlärm. Am nördlichen Ende, kurz vorm Schwarzen Meer, in »Anadolu Kavaği« klettern wir den Berg hoch zu einer byzantinischen Ruine mit Blick aufs Schwarze Meer. Hier hat das alte Byzanz die Durchfahrt kontrolliert.

Am Tag darauf stehen wir uns die Beine in den Leib, denn wir wollen den »Dolmabahçe Sarrayi« besichtigen: Schlange vor der Kasse und Schlange vor dem Einlass. Nach gefühlten fünf Stunden in glühender Sonne dürfen wir die Heiligen Hallen auf Plastiküberziehern betreten. Hier ist alles so, wie man als einfacher Mensch, der sein Wissen aus den Märchen von tausendundeiner Nacht bezieht, sich das Leben in einem Sultanspalast vorstellt. Auch der Staatsgründer Kemal Atatürk hat hier in den 20er-Jahren residiert. Was macht ein türkischer Taxifahrer bloß ohne seine Autohupe? Er wäre nur ein halber Mensch. Bei Stau machen alle Autohupen einen entsetzlichen Lärm, aber weiter geht es trotzdem nicht. An den Fußgänger-Ampeln gibt es feste Regeln: Grünes laufendes Männchen bedeutet »gehen«, ein rotes stehendes Männchen heißt »Slalom laufen«. Abends sitzen wir unter der Galata-Brücke bei Bier und Wein und beobachten den Sonnenuntergang über dem Goldenen Horn, das seinem Namen nun alle Ehre macht. Danach sind wir zum Essen auf der Dachterrasse unseres Hotels, blicken auf das nächtliche Istanbul mit beleuchtetem Topkapi Sarrayi, Hagia Sophia und Blauer Moschee, Bosporus-Brücke und einer Baustelle gleich nebenan.

Tolle Stadt, nur nicht zur Hauptreisezeit!

Frank & Monika