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Wandern extrem. Alleine zu Fuß durch Amerika

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Wandern extrem. Alleine zu Fuß durch Amerika
3500 km auf dem Fernwanderweg „Appalachian Trail“ an der Ostküste der USA

Wandern extrem. Alleine zu Fuß durch Amerika

Nachdem ich vor zwei Jahren 4200 km von Mexiko nach Kanada auf dem „Pacific Crest Trail“ in den USA gewandert bin, konnte ich nicht länger die Füße still halten. Erneut packte ich meine Ausrüstung zusammen und flog in die USA.

Ein weiterer Fernwanderweg lag vor mir und dieses Mal sollte es der „Appalachian Trail“ an der Ostküste der USA sein. Dieser startet in dem Bundesstaat Georgia und verläuft 3500 km in den Norden nach Maine. Der Trail durchquert insgesamt 14 Bundesstaaten und zahlreiche Nationalparks in einem der ältesten Gebirge der Welt.

Ein „Thru Hike“ (durchgängige Wanderung des Trails innerhalb eines Jahres) hat wenig mit einer romantischen Vorstellung einer gemütlichen Wanderung zu tun. Scheinbar endlose Regenfälle, Nebel und Gewitter zeigten mir das sehr eindrücklich in den ersten Wochen. Da ist es schon mal vorgekommen, dass ich zusammengekauert in der Hocke saß um nicht auf dem Gipfel vom Blitz getroffen zu werden. Das war dann auch der Punkt an dem ich mir die Frage „warum mache ich das eigentlich?“ stellte, aber die Vorstellung in dem Moment im Stau auf der B10 zu stecken ärgerlicher vorkam.

Die Frage „warum“ man all das auf sich nimmt ist ein ständiger Begleiter, jedoch mehr von meinem Umfeld als von mir. Das Wandern ist offensichtlich das langsamste Fortbewegungsmittel, um zu reisen und steht im Gegensatz zu allem, was die Gesellschaft an Leistung und Geschwindigkeit im Alltag vorgibt. Nach einiger Zeit auf dem Trail stellte ich mir eher die Frage „warum“ braucht man so viele Dinge wie Handy, Laptop und einen festen Wohnraum, wenn man alles auf dem Rücken tragen kann was man braucht. Schon nach wenigen Tagen stellte sich bei mir eine Zufriedenheit und Gelassenheit ein, was wohl zwangsläufig eintritt, wenn man sich entscheidet, täglich 30 bis 40 Kilometer in einer atemberaubenden Natur zu wandern.

Diese Gelassenheit brauchte jedoch seine Zeit und die ersten Nächte alleine im Wald waren erstmal befremdlich. Das Ungewohnte, egal ob Mann oder Frau, macht wohl immer Angst, insbesondere wenn man realisiert, dass die Natur weitaus gewaltiger und mächtiger ist als man selber.

Alle vier bis fünf Tage hatte ich die Möglichkeit in kleinere Städte zu trampen, um Lebensmittel zu besorgen und mich und meine Ausrüstung zu waschen. Mein kompletter Hausrat für mehrere Monate inklusive Zelt, Schlafsack und Rucksack hatte ein Gesamtgewicht von 7,5 Kilogramm, was keinen Platz für unnötige Dinge lies. Wie schwer ein Einkauf sein kann, wenn man täglich mehr als 5000 Kalorien essen muss und das Essen für mehrere Tage auf dem Rücken trägt ist ziemlich eindrucksvoll und unüberlegte Spontaneinkäufe fielen daher aus.

Damit meine Lebensmittel nicht von Wildtieren gegessen wurden, musste ich jeden Abend meinen Essenssack bärensicher mehrere Meter hoch mit meinem Seil an einem Baum aufhängen. Anschließend konnte ich mein Zelt aufbauen und mein Abendessen auf dem Gaskocher zubereiten. Um Stechmücken fernzuhalten und später im Norden gegen die Kälte machte ich ein Feuer, was den Tag gemütlich ausklingen lies.

Insgesamt legt man auf dem Trail 157 000 Höhenmeter zurück, was bedeutet, dass man den Mount Everest rund 16 Mal besteigen würde. Ich habe auf dem Trail feststellen müssen, dass Serpentinen wohl als überflüssig bei der Planung des 1937 eröffneten Appalachian Trails galten. Somit ging es für mich mehrmals am Tag steil den Berg hinauf, um auf der anderen Seite wieder runter zu laufen. Der Trail führt nur wenige Male über die Baumgrenze und wird daher von Fernwanderern als „der grüne Tunnel“ bezeichnet, da man überwiegend im Wald ohne Aussichtspukte ist.

Das unwegsame Terrain sorgte dafür, dass ich insgesamt einen Verschleiß von sechs Paar Schuhen hatte. Der körperliche Verschleiß hielt sich glücklicherweise in Grenzen, abgesehen von unzähligen Stürzen, woran man sich erstaunlicherweise auch gewöhnt. Der Trick ist einfach immer wieder aufzustehen und weiter zu machen.

Zur Navigation nutzten die meisten Wanderer eine App, welche auch Wasserressourcen, Zeltplätze und das Höhenprofil anzeigte. Zusätzlich dienten die an Bäume gepinselten weiße Striche als zuverlässige Richtungsweiser, um nicht in der Wildnis verloren zu gehen. Ganz alleine ist man auf dem Trail allerdings nicht. Es gibt erstaunlich viele Menschen, welche den Appalachian Trail wandern. Sei es ein 83-Jähriger, welcher den Rekord als ältester Wanderer auf diesem Trail brechen möchte oder eine vierköpfige Familie. Der Trail ist so unterschiedlich wie jeder einzelne Mensch auf diesem Trail, aber was wir alle gemeinsam hatten, war eine ungeheure Willenskraft, Abenteuerlust und jeden Tag mit all seinen Herausforderungen wertzuschätzen.

Nach fünf Monaten und rund fünf Millionen Schritten hatte ich es geschafft und ich bin überglücklich bei dem Endpunkt „Mount Katahdin“ in Maine angekommen. Hinter mir lagen unendlich viele Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen. All das begann nur mit einem einzigen Schritt und der Entscheidung, mich durch nichts von meinem Weg abbringen zu lassen.

Liebe Grüße und Happy Trails,
Michelle

 

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