Stadtleben

70 Jahre Baden-Württemberg

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70 Jahre Baden-Württemberg

… und warum wir uns manchmal nicht so sehr mögen

Im April 2022 „feierten“ wir 70 Jahre Baden-Württemberg (Wieso eigentlich nicht Württemberg-Baden)? Baden-Württemberg ist übrigens das einzige Bundesland, das durch einen Volksentscheid entstand. Dazu später.

Es scheint, als ob die Schwaben seit je her eine Traditionsfeindschaft mit den Badener hegen. Die beiden Nachbarn könnten unterschiedlicher nicht sein – denn im Gegensatz zum fleißigen, sparsamen Schwaben ist der Badener eher gemütlich und genussfreudig (sind wir aber auch). Böse Zungen behaupten ja, dass selbst eine Beerdigung in Baden lustiger als der durchorganisierte Pflichthumor auf der schwäbischen „Fasnet“ sei. Und so wundert es nicht, dass bis heute zwischen den ewigen Streithähnen ein Kleinkrieg herrscht.

Im Alltag sind es oft nur Sticheleien, im Stadion hagelt es da schon die eine oder andere verbale und sogar körperliche Attacke, wenn etwa der Karlsruher SC und der VfB Stuttgart aufeinandertreffen. Fans im Stadion sind eine Sache für sich, hier wird die Feindseligkeit der Badener und Schwaben krass aufzeigt. Doch hat dieser ewige Disput wohl eher seinen Ursprung in den politischen Konflikten des vergangenen Jahrhunderts.

Das Verhältnis zwischen den beiden Teilen des Landes Baden-Württemberg ist von diversen beidseitigen Kränkungen geprägt. Dass man in Baden sehr viel kritischer auf Württemberg blickt als umgekehrt, lässt sich aus Benachteiligungen herleiten, die ein badisches Trauma erzeugten.

Während man einerseits nur vom „Großherzogtum Baden“ sprach, durfte sich die Nachbarregion Württemberg „Königreich“ nennen – ein Affront. Hinzu kommt dann die „Badische Revolution“ von 1848, bei der die demokratischen und liberalen Bestrebungen der Badener eine eigene Republik zu gründen von konservativen Kräften aus Württemberg unterdrückt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Baden-Württemberg von den Siegermächten USA und Frankreich in die Teile Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden aufgeteilt.

Doch ein Volksentscheid über die Vereinigung aller drei zu einem Südweststaat führte zu einem Zusammenschluss – trotz vehementem Widerstand der Badener, die sich auf ihre eigenen Werte und Traditionen beriefen. 40% der Nordbadener und 60% der Südbadener lehnten die neue Zusammenlegung vehement ab, während 90% der Schwaben dafür stimmten.

Baden verlor dadurch eine ganze Reihe zentraler Funktionen, angefangen mit Regierung und Parlament, die es in Karlsruhe vorher gegeben hatte. Schnell wurde das Malheur allen Beteiligten klar und man versuchte die Situation zu entschärfen und gegenzusteuern. Auch deshalb wurden bewusst diverse Zentren der Wissenschaft und Kultur in badischen Großstädten angesiedelt, um einen Ausgleich zu schaffen.

Die Besetzung der Posten in Regierung und Parlament der vergangenen Jahrzehnte halten sich ebenfalls die Waage. Trotzdem ist für viele Badener ein Stück Selbstständigkeit und Autorität verloren gegangen, der viele noch heute nachtrauen. Untrennbar von der Identität des Schwaben ist auch seine Traditions-Feindschaft mit dem „Badenser“. Dieser schimpft den verhassten Nachbar seinerseits „Sauschwob“. Die beiden Streithähne könnten unterschiedlicher nicht sein.

Über die tatsächliche Unterscheidbarkeit von Badenern und Schwaben lässt sich streiten. Der Schwabe ist nicht unbedingt ein Württemberger, sondern vielmehr ein „Bewohner alemannischer und rhein-/mainfränkischer Herkunft“, und somit auch wieder mit dem Badener verwandt. Dieser wiederum lässt sich ebenfalls nicht eindeutig identifizieren, schon gar nicht durch den Dialekt. Da reichen die Unterschiede von Hoch- über Niederalemanisch bis hin zu Bodensee-Alemanisch.

Wie dem auch sei – was ist das Schönste am Hauptbahnhof in Karlsruhe? Der Schnellzug nach Schwaben. In diesem Sinne – ala gut.