Stadtleben

… an Moschd

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… an Moschd

… und wer ist eigentlich Barthel?

Ein guter Most heilt jeden Schmerz,
er ist des Schwaben Perle.
Der Wein erfreut des Menschen Herz,
d’r Most d’r ganza Kerle.
(Johannes Jakob, Suppingen)

Eigentlich dachten wir immer, dass die glorreiche Zeit des Mostes im Herbst zu sein scheint. Das Obst wurde geerntet, es hatte 3 Wochen Zeit, Teile des Zuckers in Alkohol umzuwandeln und frisch ist ja immer gut. So dachten wir zumindest. Allerdings finden jetzt im Mai etliche Mostprämierungen in der Gegend statt, so auch am 20. Mai in Bad Ditzenbach im Haus des Gastes. Was hat es mit diesem Getränk denn auf sich, das so typisch ist für unsere mit zahlreichen Streuobstwiesen ausgestatteten Gegend?

Ehrlich gesagt hatten wir von Most keine Ahnung und sind nach einigen Telefonaten auf August Kottmann vom Gasthof Hirsch in Gosbach gestoßen, der uns liebenswerterweise in die Welt des Mostes führte. Vorneweg: Man konnte durch das Telefon seine strahlenden Augen sehen, als er über den edlen Tropfen philosophierte, denn genau das ist der Most – ein edler Tropfen. Bei den Hessen übrigens auch als Äbblwei bekannt oder bei den englischsprachigen Menschen als Cider.

August Kottmann: „Mooschd mit zwei „OO“, ist wie fressen statt essen. Most ist etwas Edles – ganz absolut: Most ist die Natur in ein blühendes Genusserlebnis im Glas umgesetzt – wer das schafft, der schaut plötzlich die Äpfel draußen ganz anders an. Man muss mit der Natur reden, die Natur gibt die Reife, der Baum sagt mir: Heute darfst du! Um ein perfektes Produkt zu kreieren muss das Verständnis gegeben sein, erst im Reifeprozess zu ernten. Man muss den Most begreifen. Most ist Vielfalt, die Fähigkeit der Menschen, Verständnis für die Natur zu entwickeln.

Most ist ein Identifikationsprodukt – und unheimlich umfangreich:

Es gibt nicht nur den einen Most wie es in der Küche ja auch nicht nur das eine „Essen“ gibt. Most hat ein Riesenspektrum wie das Essen auch, besitzt so unglaublich viele unterschiedliche Eigenschaften, da er ja immer aus den regional vorhandenen Früchten herstellt wird.

Wer auf die Wiese läuft, einen Apfel pflückt und beim Hineinbeissen das Gesicht verzeiht mit den Worten „Isch der sauer, des isch ja bloooos an Moooschdapfel“, sollte sich mehr mit der Natur beschäftigen. Dass genau dieser Apfel mit diesen Gerbstoffen perfekt für Most ist und durch die biologische Gerbstoffumstrukturierung den Most erst zum Most macht, muss verstanden werden. Das sind sehr sensible Bereiche.

Most wird aus Früchten gemacht, die zu Beginn nicht genießbar sind. Diese sind charakteristisch für im Mund erst einmal nicht wohlschmeckende Gerbstoffe und Säuren. Mikroorganismen arbeiten dann an der Umwandlung und die sind schneller als wir. Und wenn wir nicht verstehen, wie schnell, dann wars das mit dem guten Most

Dieses Wissen ist uns vor 50-60 Jahren verloren gegangen – das müssen wir wieder erlernen. Erst erlernen, was da draußen wächst, bevor man sich mit dem Most beschäftigt. Wir versuchen gerade, den Most wieder der Jugend näher zu bringen, ab und an bedarf es dazu Anglizismen und Namen wie „Cider“ und ein wenig Kohlensäure, um das Produkt spritziger zu machen. Aber das ist ja alles in Ordnung.“

Vielen Dank lieber August!

Aus einer Ortschronik aus dem Ende des 19. Jahrhunderts geht hervor, dass Most auf der Schwäbischen Alb in dieser Zeit zu einem der wichtigsten Getränke zählte. Dort heißt es: „Zweites Frühstück Most und Brot, Abendessen Brotsuppe, Kartoffeln und Milch; in dieser Weise nähren sich alle Kategorien der hiesigen Bevölkerung, bloß haben die Reichen mehr Fleisch. In manchen Häusern wird neben Most auch ein wenig Branntwein verabreicht.

Bier wird bloß sonntags im Wirtshaus auf eigene Kosten getrunken. Getränke: täglich 2 Liter Most, in der Ernte 4 Liter für männliche Arbeiter, weibliche die Hälfte. Frauen und Kinder trinken nur wenig Most, Branntwein gar nicht.“

Schon Kelten und Römer vertrauten auf die gesunde Wirkung des Mostes. Minnesänger rühmten ihn in ihren Liedern. Und doch galt der Most lange Jahre als einfacher „Haustrunk“.

Apfel- und Birnenmost wird aus sogenanntem Mostobst gewonnen, das einen höheren Gerbstoffanteil besitzt als Früchte, die für den Verzehr gedacht sind. Mit einer Mostpresse wird der Saft, der sogenannte Süßmost, aus den Früchten gepresst. Durch Hefepilze wird der enthaltene Fruchtzucker zu Alkohol vergoren. Die Gärung dauert zehn Tage bis drei Wochen. Einigen Mostsorten werden auch Edelhefen zugesetzt, die Gärung um einige Tage verlängert.

Anschließend wird der Most filtriert und geklärt. Most soll sich durch folgende Qualitätskriterien auszeichnen: Er soll von klarer Farbe sein und ohne Trübungen, einen fruchtigen Geruch aufweisen, außerdem verfügt er oft über einen natürlichen Kohlesäuregehalt, der bei der Gärung entsteht. Der Alkoholgehalt liegt bei Apfel- und Birnenmost zwischen sechs und acht Prozent, ein Liter Most weist etwa 500 kcal auf.

Most ist übrigens kein Wein und will es auch gar nicht sein!! Jeder gute Moster wird zu Recht schimpfen, wenn man seinen Most mit Wein vergleicht! Most ist ein völlig eigenständiges Getränk, das durch seine Spritzigkeit, und – im Vergleich zu Wein – seinem leichten Alkoholgehalt überzeugt.

Auf manchen Seiten zur Mostherstellung wird gelobt, dass Mosttrinker Streuobstwiesen und den Erhalt alter Apfelsorten fördern. Viele alte der einigen tausend Apfelsorten sterben nämlich zu Gunsten von leicht zu erntenden und optisch schönen Supermarktsorten aus. Ein kaum wiederzubringendes Kulturgut! Hochstämmige Apfelbäume sind darüber hinaus ein wichtiger Lebensraum für Insekten und Vögel. Wenn dem so ist, freuen wir uns und sagen „zum Wohl!“

Zum Barthel – aus dem Radio dröhnen die Sportnachrichten: „Heute vor 24 Jahren hat die DDR-Leichtathletin Marita Koch eine neue Spitzenzeit in der Disziplin 400 Meter Sprint aufgestellt. Mit sagenhaften 47,6 Sekunden zeigte sie der Welt, wo der Bartel den Most holt! Ihr Rekord von 1985 ist bis heute ungebrochen.“ . Viele benutzen diese Redewendung, ohne zu wissen, was sie eigentlich bedeutet. Denn „Barthel“ ist kein männlicher Vorname, sondern jiddisch für „Brechstange“. Und „Most“ ist kein Getränk, sondern ebenfalls ein jiddisches Wort – für „Geld“.