Stadtleben

Aus dem Betrieb einer Corona-Schwerpunktpraxis

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Aus dem Betrieb einer Corona-Schwerpunktpraxis

Medizinisches Versorgungszentrum Jung

Kurzes Würgen und Gesicht verziehen des Probanden, anschließend ungläubige Reaktion, wie tief ein Abstrichtupfer durch die Nase in so ein Gesicht passt … an Stellen, an denen meistens zuvor wirklich noch nichts von außen strich … Niesattacke, Hustenreflex … und vorbei …leicht angeekelt, aber glücklich, dass es rum ist, hat sich jemand einen Coronaabstrich nehmen lassen.

„Diese Szene haben wir seit Juli mehrfach täglich. Wir, das MVZ (Medizinische Versorgungszentrum) Jung in Deggingen folgten Ende Juli einem vorbereitenden Aufruf der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Wir ließen uns zur Corona-Schwerpunktpraxis ausstatten, nachdem das gleiche Vorhaben im März an einem Finanzierungsstopp scheiterte.“

Seither wurden ca. etliche Abstriche von Reiserückkehrern, Lehrern, Infekterkrankten, Altenheimbewohnern oder solchen, die es werden sollen, genommen. Auch Abstriche von Kontaktpersonen bereits bestätigter Fälle im Auftrag des Göppinger Gesundheitsamtes finden statt. Gedacht war das Ganze original vor allem als Serviceangebot, nachdem beim Projektstart lediglich in Eislingen, 25 Minuten Autofahrt entfernt, Abstriche für die Patienten des Oberen Filstales stattfinden konnten.

Inzwischen haben sich mehrere benachbarte Kollegen zum gleichen Schritt entschlossen, was die Versorgung vor Ort mit noch weit mehr Kapazität ausstattet und wofür wir sehr dankbar sind. Die Leistungen der Helferinnen waren hierbei enorm. Pro Abstrich mussten die MFA einen von 28 möglichen Konstellationen aus Versichertenart und Abstrichgrund erkennen und jeweils unterschiedlich behandeln, hinzu kamen mindestens ein Telefonat zur Terminvereinbarung und teilweise bis zu vier frustrane Nachfragen bei anfänglich sehr langen Befundlaufzeiten der Negativbefunde bis zu einer Woche.

Es gab Probleme mit der Corona-WarnApp, da eine ganze Charge von Laborscheinen einen unlesbaren QR-Code aufgedruckt hatte, so dass die Befundeingänge schließlich aktiv per Telefon mitgeteilt werden mussten. Gleichzeitig mussten zum Infektionsschutz der Angestellten und der eigenen Patienten externe Abstrichzelte gekauft werden und neue Umgangsregeln mit Patienten mit und ohne Symptomatiken eingeführt werden.

„All das mussten vor allem unsere Medizinischen Fachangestellten erdulden, mit ständig neuen Regeln aufgrund neuer Bestimmungen oder Umstände. Bei diesen müssen wir uns auch hochgradig bedanken. Denn ohne sie wäre es schlicht unmöglich gewesen, die Corona-Schwerpunkt-Praxis in der jetzigen Form aufzustellen. Mit der Zeit kam dann auch der Kontakt zu positiv getesteten Personen (beim Schreiben dieses Artikels 16 der ca. 600 Getesteten). Für uns bekam die Erkrankung, die auch wir ja nur aus den Medien kannten, langsam ein Gesicht. Unter anderem zeigte sich uns ganz klar, dass es kein Ausschluss von Corona ist „nichts zu merken“ oder „nur einen banalen Infekt zu haben“ – genau diese beiden sind die häufigsten Gesichter von Corona bei dem Gros der Bevölkerung. Die gefährdeten Personen sind hier bis jetzt in unserem direkten Patientenclientel noch um die Infektion herum gekommen. Wir hoffen, dass das auch so bleibt“ so Jan-Henning Tellbach, Praxismanager MVZ Jung GbR. Oft gestellt Fragen in der Coronaschwerpunktpraxis:

Wie gefährlich ist Corona überhaupt noch?

Für bestimmte Bevölkerungsgruppen ist nach wie vor Corona eine wahrhaft tödliche Bedrohung. Aber auch länger bleibende Beeinträchtigungen scheinen nach der Erkrankung häufiger zu sein, als anfangs vermutet.

Ein Bekannter wurde positiv getestet. Wie verhalte ich mich?

  1. Falls ihr direkt Kontakt hattet und er euch dem Gesundheitsamt wahrheitsgemäß gemeldet hat, werdet ihr von dort kontaktiert. Wenn ihr euch unsicher seid, könnt ihr auch in der Info-Hotline des Göppinger Gesundheitsamtes nachfragen: 07161-2025370.
  2. Wenn ihr keinen kritischen Kontakt hattet oder nur Kontakt zu einem Kontakt und ohne Symptome bleibt, gilt für euch die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) wie für alle anderen auch.

Ich bemerke bei mir Krankheitszeichen (Geruchs- oder Geschmackstörung, Fieber, Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Symptomatik). Habe ich Corona?
Nicht ausgeschlossen. Welche Krankheitszeichen ein Infekt verursacht hat mehr mit den befallenen Stationen des Körpers zu tun als mit dem Erreger selbst – eine genaue Aussage, welcher Atemwegskrankheitserreger vorliegt, ist anhand der Symptome alleine nicht möglich. Wenn man es genau wissen will, muss man es testen. Diesen Test bei vorhandenen Krankheitszeichen zahlen derzeit die Krankenkassen.

Ich hasse die Maske, brauche ich die überhaupt?

Nach derzeitigem Wissensstand war die Maskenpflicht sehr wohl an der Verringerung der Infektionsquote beteiligt. Insbesondere, da Personen ohne jedes Krankheitszeichen unbemerkt Viren verbreiten können und hier die Masken eine Schlüsselrolle zur Verhinderung der Verbreitung spielen.

Ich möchte mich „einfach so“ mal testen lassen. Was kostet das?

Derzeit seitens der Abstrichstelle ca. 30,82 € und 65,- € seitens des Labors nach der Gebührenordnung für Ärzte. Solche Tests aus „Neugier“ (oder starker Vorsicht) werden aber nur innerhalb freier Testkapazitäten durchgeführt.

Verdammt – ich bin Corona-positiv.
Alles aus?

Nein. Wahrscheinlich habt ihr keine oder nur milde Krankheitszeichen und dürft nach zehn- bis vierzehntägiger Quarantäne normal weiterleben. Nur ungefähr 10% der Erkrankten bekommen ernsthafte Probleme. Genau diese Eigenschaft, bei vielen kaum Folgen zu zeigen, fördert die schnelle Verbreitung des Erregers bei Verzicht auf die AHA-Maßnahmen.

Muss denn wirklich die Nase auch mit abgestrichen werden? Ich hörte, das sei oft nur im Mundrachen passiert.

Diese Geschichten hörten wir auch und fragten mehrfach beim Gesundheitsamt nach. Die Stellungnahme dort war klar: Lieber kein Abstrich als nur durch den Mund mit einer Gefahr von ca. 30% einen FALSCHEN Negativbefund zu erzeugen und der Proband wäre infiziert.

Daher: Ja, wenn ihr einen aussagefähigen Test wollt, muss der Abstrich aus Mund und Nase genommen werden.