Stadtleben

Champagner auf Rezept

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Champagner auf Rezept
Kuriose Entdeckung in Geislingen

Champagner auf Rezept

 

Die Entrümpelung eines Apotheken Hauses fördert so manche Kuriositäten ans Licht: Da war zum Beispiel die Schachtel Aspirin Tabletten, die im Jahr 2012 in einem alten Schrank einer Apotheke entdeckt worden war.

antwortlichen Hersteller, die Fa. Bayer Leverkusen, ergab folgendes Ergebnis: Herstellungsjahr 1911; die chemische Analyse ergab keinerlei Beanstandungen in Bezug auf Zusammensetzung und Wirkstoff-Gehalt – die Einnahme nach über 100 Jahren wäre also auch heute noch absolut unbedenklich gewesen. Man sieht an diesem Beispiel, dass bei sachgerechter Lagerung Medikamente nicht automatisch unbrauchbar werden. Und doch hat die Einführung von offenen Verfalldaten bei Arzneimitteln ihren absoluten Sinn.

Selbst das allen bekannte Kochsalz darf 5 Jahre nach der Herstellung in der Apotheke nicht mehr verwendet werden, -außer man unterzieht den Stoff einer aufwendigen, neuerlichen chemischen Prüfung. Dieses war oben aus Interesse bei besagtem Aspirin geschehen. Ein solches Vorgehen verbietet sich jedoch in der Praxis meist aus wirtschaftlichen Gründen. Und doch sollte die Einnahme von „abgelaufenen“ Arzneimitteln nicht grundsätzlich als Gefährdung der Arzneimittelversorgung gebrandmarkt werden, wenn entsprechende Experten auf Grund der vorliegenden Evidenz entscheiden. Das übersteigt aber sicher die Kompetenz von Laien.!! Aber das deklarierte Verfalldatum stellt in vielen Fällen nicht das „Maß aller Dinge“ dar“.

Ähnlich kurios war in Geislingen die Entdeckung dreier verstaubter Holzkisten auf dem Dachboden des im Jahr 1905 erbauten Hauses der Stern Apotheke Geislingen. Auf diesen Holzkisten mit eisernen Griffen ist als Lieferant eingebrannt: „G.C.Kessler&Co“ „Kgl. Württ. Hoflieferanten Esslingen“.

Erste Befürchtungen, dass sich der damalige Altenstädter Apotheker Ogger dem Suff ergeben hätte, konnten sehr schnell zerstreut werden. Eine Nachfrage im Hause Kessler in Esslingen ergab folgendes Bild: Im Nachkriegszeitraum 1918/1919 belieferte die Fa. Kessler/Esslingen Apotheken im Raum Württemberg mit sogenanntem „Medicinal Champagner“. Allein das Wort „Champagner“ wäre heute ein Stein des Anstoßes, wiewohl der alte Kessler jahrelang bei Veuve Cliquot gekeltert hat. Dieser „Sekt“ wurde auf ärztliche Verordnung in den Apotheken an ehemalige kriegsbeschädigte Soldaten verabreicht.

Man muss sich einmal vorstellten, was dieser erste Weltkrieg bei vielen Soldaten hinterlassen hat: Detonationstraumata, Giftgas-Traumata mit Lungen Verätzungen; Schuss-Verletzungen z.B. Kopfschüsse mit späterem Einsatz von Silberplatten in der Schädeldecke – beim Überleben, Amputationen von Armen und Beinen gefolgt von Phantom-Schmerzen, um nur einige dieser Schmerz-Punkte zu nennen. Ein unsägliches Leid in allen Ländern Europas hatte sich damals bei den Kriegsopfern manifestiert. An die heute praktizierte psychologische und physiologische Betreuung war damals überhaupt nicht zu denken. So war „Medicinal-Champagner“ auf Rezept eine staatliche Fürsorge, der sich mache Kriegsopfer des ersten Weltkriegs hier in Württemberg dankbar bedienen durften.

Erinnern wir uns immer an diese Zeiten, damit sie sich niemals wiederholen sollen, erinnern wir uns an die unfassbaren Untaten der Nazis in unserem Land und in Europa, erinnern wir uns an die kommunistischen Schreckensherrschaften in Europa. Setzen wir uns alle dafür ein, dass mehr als 70 Jahre Frieden in unserem Land auch weiterhin in einem gemeinsamen Europa ihren Bestand haben werden.

Ihr Dr. Welte