Stadtleben

Die Postkarte – Ein Relikt vergangener Zeiten?

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Die Postkarte – Ein Relikt vergangener Zeiten?

Ein Relikt vergangener Zeiten?

Noch vor Jahren galt: Kein Urlaub ohne Postkarte. Doch wer schreibt im digitalen Zeitalter noch handschriftliche Widmungen? In Geislingen greifen die Passanten, die wir befragt haben, meist nur noch zu besonderen Anlässen zu Papier und Stift. Bei den meisten ist der letzte handgeschriebene Brief schon eine Weile her. Dazu nachher mehr.

Dennoch: Trotz Whatsapp und Messenger – Urlaubsgrüße kommen auch heute noch oft per Post. Die Geschichte der Postkarte geht allerdings weit zurück: Die neue Ära wurde vor 153 Jahren eingeläutet. Bevor die Ansichtskarten in Mode kamen, wurde das Vorläufermodell mit unerwartetem Erfolg auf den Markt gebracht. Eine „neue Art der Korrespondenz mittels der Post“ erlebte vor 153 Jahren, am 1. Oktober 1869, ihre Weltpremiere: die Postkarte.

Die Postverwaltung Österreich-Ungarns ließ als erste der Welt die Postkarte zur Beförderung zu. Das neue Angebot wurde sofort ein Renner. Die Idee stammte eigentlich aus Preußen. Ein entsprechender Vorschlag wurde dort jedoch verworfen, weil eine solche Form der Mitteilung als unanständig angesehen wurde. Der Inhalt von Postsendungen müsse Privatangelegenheit bleiben, Mitlesen galt als unschick. 1870 wurde die Karte dann im Gebiet des Norddeutschen Bundes eingeführt. Bereits am ersten Verkaufstag, dem 25. Juni 1870, wurden allein in Berlin 45 468 Stück verkauft.

Die Inhalte

Das Meer so klar, die Landschaft so schön, das Essen so lecker, das Wetter so super – klassischer könnte der Inhalt einer Ansichtskarte aus dem Urlaub nicht sein. Die knappen Texte über die angeblich schönsten Wochen des Jahres spiegeln aber auch den Zeitgeist. Vor 30 oder 40 Jahren gehörte der Sonnenbrand im Urlaub einfach dazu. Den hat man dann auch stolz erwähnt.

Eine Auffälligkeit gibt es bei den Inhalten der Karten: Den Schreibern geht es praktisch nie schlecht, und lange vor der heute durch das Internet beförderten Angewohnheit, allem und jedem eine Note zu geben, sind auch schon früher gerne das Hotel, der Service, die Freundlichkeit bewertet worden. Manchmal soll so eine Karte den Empfänger vielleicht auch ein wenig neidisch werden lassen (das ist ehrlich gesagt der einzige Grund, warum ich immer noch fleißig Karten schreibe).

Was gibt es zu beachten, dass die Relikte früherer Zeiten auch beim Empfänger ankommen, wenn sich schon die Mühe gemacht wird? Das früher übliche D vor der Postleitzahl kann heute dazu führen, dass die Sortiermaschinen der Post die Postleitzahl nicht richtig erkennen. Also bitte kein Länderkürzel mehr hinschreiben, das wurde offiziell schon vor einigen Jahren abgeschafft.

Die Deutsche Post empfiehlt, Deutschland in der jeweiligen Sprache des Urlaubslandes zu schreiben. In einem englischsprachigen Land ist das Germany, in Spanien Alemania oder in Italien Germania. In China, Japan oder anderen Ländern sollte „Germany“ ausreichen, da der englische Name doch sehr bekannt ist.

Bild: Mason B. / Unsplash

Die Deutsche Post empfiehlt, im Adressfeld in Großbuchstaben zu schreiben. Das ist weltweit am einfachsten zu entziffern – gerade weil ja auch die Postmitarbeiter im Urlaubsland die Karte zuerst anschauen. Unleserliche Adressen kann die Post niemandem zuordnen, die Karten werden nach einiger Zeit im Postzentrum vernichtet.

Ein Passant in der Passage am Sternplatz hat uns auf unsere Frage zur Karte zum Thema „Postcrossing“ gebracht. Falls ihr dieses Wort auch noch nicht gekannt habt: Hinter diesem Namen verbirgt sich ein weltweites Forum aus Postkarten-Fans. Es funktioniert so: Man registriert sich im Internet über die Website www.postcrossing.com, gibt dort seine Postadresse an. Dann bekommt man per Zufallsgenerator die Adresse eines wildfremden Menschen von irgendwo auf der Welt, verschickt an diesen Menschen eine Karte.

Ist sie angekommen, kann der Empfänger sie registrieren – und in diesem Moment bekommt dann ein anderer wildfremder Mensch irgendwo auf der Welt die eigene Adresse zugelost. Ein faires Hobby, denn: Nur wer Karten versendet, kann auch welche bekommen. Die Dame aus der Passage setzt sich regelmäßig hin und schreibt Karten – genauso viele wie sie schreibt kommen auch zurück.

Sie kommen aus den Spanien, Hong Kong, den USA, aus Holland, Finnland, China, Portugal, Taiwan, Russland, Frankreich oder Belgien. Viele Karten sind kleine Kunstwerke und bringen sie zum Schmunzeln. Das ist mit Sicherheit interessant, aber anfangs könnten wir ja erst mal der Familie und Freunden wieder den Briefkasten füllen.

Kathi aus Gingen meinte: „Ich finde es auch schöner, ein Foto zu machen von etwas, was man gern gesehen hat. Aber Oma und Opa, sowie die Tanten des älteren Kalibers, die keine Lust auf ein Smartphone haben, freuen sich, wenn ich dann und wann die Muse habe und jedes Jahr die gleichen Zeilen auf die Karte schreibe. Am besten geht das übrigens online per Post: Foto mit dem Smartphone knipsen, Layout wählen, Grußtext schreiben – den Rest erledigen die Damen und Herren in Gelb mit dem Horn auf dem Shirt. Die Digitalisierung erlaubt hier eine Symbiose von neuer Technik und altem Medium.“

Die Postkarten, die Oma Frieda aus Bad Überkingen von ihren Enkeln bekommt, bleiben monatelang auf ihrem Regal stehen und sind für lange Zeit eine liebe, sehr persönliche Verbindung zum Kartenschreiber.

Ansonsten haben wir ein paar Oster-, Weihnachts- und Geburtstagskartenschreiber getroffen, ehrlich gesagt aber niemanden mehr gefunden, der gerne Urlaubskarten schreibt. Erstaunlich, denn laut Post sind im Jahr 2014 noch etwa 210 Millionen Postkarten deutschlandweit transportiert worden und 2018 noch etwa 154 Millionen.

Titelbild: Bild: Joachim Schnürle / Unsplash