Stadtleben

Die verschiedenen Weihnachtsbräuche bei uns

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Tatsächlich…Weihnachten

Die verschiedenen Weihnachtsbräuche bei uns

Schon jetzt, Ende November, ist überall Weihnachten. Auf der Arbeit hängt die Einladung zur Weihnachtsfeier, die Kinder basteln schon Weihnachtsgeschenke und mein Kind schreibt täglich ihre Wunschliste um. In den Geschäften läuft das ein oder andere Weihnachtslied und überhaupt wirst Du hier das Gefühl nicht los, alle hätten schon enormen Weihnachtsstress und das Fest stehe unmittelbar vor der Türe. Sich, vor allem als Frau, da nicht anstecken zu lassen fällt schwer. Doch mit zunehmendem Alter sehe ich die Dinge gelassener, so manches Weihnachten kam und ging, ganz egal, wie viel Stress ich mir selbst davor gemacht hatte.

Und wie jedes Jahr stelle ich mir die Frage, worum geht es hier eigentlich?
Dieses Jahr habe ich nun mit einigen Frauen geredet, die in und um Geislingen herum leben und arbeiten und gefragt, worum es ihnen an Weihnachten geht. Wie feiern sie? Was ist ihnen wichtig? Und überhaupt, was wird gegessen an den Festtagen?

Die Elke sagte dazu, Heiligabend gibt es Sauerkraut mit Würstchen, für den Sohn gibt es etwas Vegetarisches. Und natürlich gibt es hier auch Plätzchen, vornehmlich Ausstecherle, Terrassenkekse und Rumkugeln. In die Kirche wird hier nicht gegangen, was Elke selbst bedauert. Und die Bescherung ist ganz bescheiden. Aber die Familie ist zusammen und das ist wichtig.

Bei Jasmina, sie kommt ursprünglich aus Kroatien, ist aber schon sehr lange in Geislingen, wird nach Tradition an Heiligabend eigentlich noch gefastet. Daher gibt es hier auch Fisch und als Nachspeise Mohnnudeln. Natürlich wird hier in die Kirche gegangen. Bescherung ist nach der Kirche und dem Abendessen. Aber ab Mitternacht ist dann die Fastenzeit vorbei und es gibt gegrilltes Spanferkel, das nur mit Salz gewürzt wurde und Sarma (Krautwickel). Auch hier kommt die ganze Familie zusammen und es wird großen Wert auf das Beisammensein gelegt.

Bei Claudia aus Kuchen gibt es natürlich kein Weihnachten ohne Plätzchen. In früheren Jahren waren es 20 Sorten, die Mutter und Tochter gebacken haben. Claudia erzählt weiter, sie habe sich immer auf den Feierabend an Heiligabend gefreut (sie arbeitet im Einzelhandel). Denn da habe sie zusammen mit ihrer Familie die Kuchener Musikkapelle, die ja traditionell an Heiligabend überall im Ort Weihnachtslieder spielt, bewirtet. Es gab da natürlich immer einen großen Topf Glühwein und die Plätzchen. Leider musste diese Tradition aufgegeben werden, da die Eltern es gesundheitlich nicht mehr machen konnten. Aber nach wie vor wird immer noch gemeinsam mit den Eltern gefeiert. Claudia erzählt auch, dass es wohl in früheren Tagen Christbaumlober gab, die von Tür zu Tür gingen, um nach dem Loben des Baumes ein oder mehrere Schnäpschen zu ergattern. Man mag sich nicht vorstellen, was damals an Weihnachten in Kuchens Straßen so los war.

Bild: serezniy / 123rf.com

Und endlich hat Jaqueline mir erzählt, dass es bei ihr Wienerle und Kartoffelsalat gibt, das deutsche Heiligabend Gericht schlechthin. Bescherung ist nach dem Essen und nachdem einige Lieder gesungen wurden. Hier wird von Klein nach Groß verteilt, heißt, die Kinder kommen zuerst dran. Da die Familie selten zur Kirche geht, wird das auch an Weihnachten nicht gemacht.

Die Sevgi ist Assyrerin. Sie lebt schon sehr lange in Geislingen, spricht aktzentfrei deutsch. Sie ist Christin und feiert Weihnachten an Heiligabend mit einem Gottesdienst in der Kirche. Auch hier ist der Heiligabend noch in der Fastenzeit, was eigentlich auch Sinn macht, in Anbetracht der vielen Kalorien, die bei uns allen an den Feiertagen konsumiert werden. Wie auch in vielen anderen Kulturen, ist bei ihr der Weihnachtstag der 25ste. Da wird zuerst einmal schön gefrühstückt mit der Familie. Nach dem Frühstück geht es zum Friedhof, um der Toten zu gedenken. Dann geht es zu einem Onkel, wo sich die ganze Familie trifft. Hier wird dann ordentlich geschlemmt, jeder bring was mit, Sevgis Mutter backt immer leckere Käsetaschen. Geschenke gibt es nur für die ganz kleinen Kinder. Plätzchen sind hier auch noch nicht so üblich, Sevgi meint aber, die jüngere Generation übernehme diesen Brauch so allmählich. Ihr ist es aber an Weihnachten am Wichtigsten, dass sie Zeit für die Familie hat und etwas Ruhe findet.

Und zu guter Letzt habe ich noch Marina befragt. Marina selbst stammt aus der schlesischen Ecke, ihr Mann ist Schwabe. Am 24. treffen sich Kinder und Enkelkinder bei ihr daheim. Es gibt eine große Tafel, keine Kirche. Zu essen gibt es schlesische Weihnachtsbratwürste, etwas ganz Besonderes mit Zitronenfüllung. Am Weihnachtsbaum brennen echte Kerzen. Bei der Bescherung muss jeder ein Lied singen oder ein Gedicht aufsagen, natürlich auch die Erwachsenen. Ihr Mann dichtet immer lustige Verse. Es werden Spiele gespielt und wenn das Wetter mitmacht, wird noch etwas spazieren gegangen.

Lauter schöne Traditionen und Bräuche. Das Geislinger Weihnachten gibt es also nicht, jede Familie hat ihre eigene Weihnacht erfunden. Und wenn ich diese Traditionen so durchsehe, fällt mir auf, dass sich neben den vielen leckeren Speisen, die zu Weihnachten gegessen werden, ein wunderschöner roten Faden gibt, der sich durch alle Geschichten hindurch zieht. Das Beisammensein mit der Familie, mit den Lieben, mit den Menschen, die einem am Wichtigsten sind.

In einer Zeit, in der Werte so durcheinandergewirbelt werden wie heute, ist es zu Weihnachten eigentlich nur wichtig, dass wir mit denen beisammen sind, die wir lieben, dass es allen gut geht und wir gemeinsam friedliche und besinnliche Feiertage verbringen können. Denn das ist dann tatsächlich Weihnachten.
Eure Andrea

 

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