Stadtleben

Freitags in Geislingen

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Freitags in Geislingen
Greta und der Klimawandel

Freitags in Geislingen

An Greta Thunberg scheiden sich die Geister. Sie polarisiert, wie kein anderes Vorbild junger Menschen in den letzten Jahrzehnten. Fanden Eltern in den 50er Jahren noch Elvis‘ Hüftschwung skandalös oder zehn Jahre später die Hysterie um die Pilzköpfe aus Liverpool überzogen, so konnten die Eltern oder Älteren in den 70er Jahren mit der Flower Power Bewegung mal so gar nichts anfangen und waren blank entsetzt über Erzählungen aus Woodstock.

In den 80ern empörten sie sich über Grufties und in den 90ern waren es die Raver und ihre Street Parades, die kein Verständnis von älteren Generationen erwarten konnten. Und wäre das nicht alles schon schlimm genug, was die Jugend da den vorangegangen Generation bereits zugemutet hat, so kommt nun eine blondbezopfte Schwedin daher und wiegelt die jungen Leute mit ihrem Gerede über Klimaschutz und CO2 Ausstoß auf, hält sie sogar dazu an, als Zeichen des Widerstands die Schule zu schwänzen. Das hatte bisher vor 40 Jahren nur Pink Floyd mit ihrem Album „The Wall“ gewagt und da es Musik war, wurde dieser Widerstand von den Erwachsenen nicht allzu ernst genommen.

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Jedoch heute ist es ernst. Gretas Jünger sollen freitags die Schule schwänzen, da ist die Schwedin ganz konkret, denn ihr geht es darum, die jüngere Generation zu mobilisieren, wachzurütteln und ihr aufzuzeigen, wie es um unseren Planeten steht. Sie warnen, wie es werden kann, wenn jetzt nicht schnell etwas unternommen wird. Hatten die Helden der Jugend früher den Vorteil, dass Eltern oft gar nicht mitbekamen, wen das Jungvolk gerade hip fand und was diese Idole denn alles so trieben, wofür sie standen, so können sich interessierte Eltern heute mit einem Mausklick jede Information besorgen und gleich noch ihre Meinung dazu los werden. Vor allem über Greta Thunberg gibt es jede Menge zu lesen. Vieles davon ist informativ und spiegelt genau das wieder, wofür Greta steht und was ihre Ziele sind.

Auch sind viele sachliche Kritiker dabei, die auf Augenhöhe diskutieren. Doch leider halten es auch viele für angebracht, Thunberg und ihre Eltern persönlich anzugreifen und öffentlich zu beleidigen. Und viele Menschen springen auf diesen Anti-Greta-Zug auf. Sie betreiben freimütig Altersdikriminierung, Thunberg ist 16; Sexismus, Thunberg ist ein Mädchen; Ableismus; Thunberg hat das Asperger Syndrom, eine Form des Autismus. Sie führen solche Dinge an, um Greta als Person abzuwerten und wollen so verhindern, dass ihre vorgebrachten Argumente Gehör finden. Wer so argumentiert, sagt aber wesentlich mehr über sich selbst aus, als über den Menschen Greta.

Denn nüchtern betrachtet fragen wir uns, was macht Greta nur, um solch einen blinden Hass auf sich zu ziehen? Nun, sie spricht auf Weltklimagipfeln vor Millionen von Menschen, was schon wesentlich mehr ist, als die meisten ihrer Kritiker zu Wege gebracht haben. Sie hält Reden in englisch, dabei ist sie Schwedin, englisch ist also nicht ihre Muttersprache. Und nicht jeder, der sie öffentlich beleidigt, beherrscht eine Zweitsprache so gut, dass er eine Rede vor so vielen anderen Menschen halten könnte, meist nicht mal in seiner eigenen Muttersprache. Sie schafft es Millionen Menschen für das Weltklima zu interessieren und sich dafür einzusetzen. Greta macht mehr, als sie als junger Mensch müsste und wir Älteren haben nichts Besseres zu tun, als sie zu beleidigen und peinlich genau darauf zu achten, ob die Gute nicht doch vielleicht ein Gramm CO2 produziert um sie dann als Heuchlerin an den Pranger zu stellen. Warum?

Vielen Menschen, egal ob alt oder jung, macht Greta vermutlich einfach nur Angst. Konnte das Thema „die Welt geht zu Grunde und wir schauen zu“ bisher noch verdrängt werden, wird es uns durch Greta täglich um die Ohren gehauen. Sie wurde zum Sinnbild des uns alle bedrohenden Klimawandels. Und was machen wir? Der eine kauft sich aus einem infantilen Trotz heraus noch schnell einen riesigen Pick-Up, so nach dem Motto, jetzt erst recht und der andere bucht jedes Jahr eine Reise auf einem riesigen Kreuzfahrtschiff, einfach weil er es kann.

Dabei wären wir es unseren Kindern und unserem Planeten schuldig, Greta statt dessen einfach mal zuzuhören. Denn was sie will ist eigentlich ganz einfach zu verstehen. Sie möchte, dass die Regierungen der Länder, die als Hauptverursacher des menschengemachten CO2 Ausstoßes (China, USA, Indien, Russland, Japan und Deutschland) gelten, sich dazu verpflichten, diesen zu verringern und damit tut sie uns allen einen riesigen Gefallen, denn jetzt geht es darum, die Weichen für die Zukunft unseres Planeten, der nächsten Generationen zu stellen. Gretas Friday for Future Bewegung gibt es natürlich auch hier in Geislingen, koi berichtete bereits drüber.

Nun, nachdem einige Zeit ins Land gegangen ist, bleibt von Friday for Future hier in Geislingen allerdings nicht mehr viel übrig, wie uns Jannis Kelemen, der Organisator der Demonstrationen hier in der Stadt berichtet hat. An der letzten Demonstration, die am 29.11. in Geislingen stattfand, nahmen gerade mal 80 Leute teil. Der Termin wurde sogar so gelegt, dass auch die Lehrer hätten teilnehmen können. Leider nahm dann nur einer diesen Termin wahr. In Geislingen, so sagt Jannis Kelemen, seien mit diesem Thema keine Massen zu bewegen. Die Menschen fänden es zwar oftmals gut, sähen sich aber selbst nicht in der Verantwortung, die Initiative zu ergreifen.

Denn leider- oder zum Glück- hat der Klimawandel hier in Deutschland noch nicht die Auswirkungen gezeigt, wie in anderen Teilen der Erde, daher sehen sich nur wenige Leute auch in der Pflicht, aus ihrer Komfortzone zu kommen, um etwas zu unternehmen. Würden unsere Häuser wegen des steigenden Meeresspiegels im Schlamm versinken, wie auf einigen indischen Inseln, wären garantiert auch hier mehr Leute motiviert, sich einzusetzen. Und leider wird auch hier im Filstal die Hetze gegen Greta und Friday for Future gepflegt. Gerade junge Menschen definieren sich sehr über ihre Freunde und wenn dann einer dabei ist, der Greta blöd findet, geht keiner zu den Demos, da niemand ausgelacht oder schlimmstenfalls ausgeschlossen werden möchte.

Im März findet nun die nächste global veranstaltete Demonstration auch hier in Geislingen statt und mittlerweile haben sich einige Sub Gruppen, wie Parents for Future, dafür interessiert, hier teilzunehmen. Es wäre toll, wenn auch unsere schöne Stadt hier ein deutliches Zeichen gegen die Zerstörung unserer Erde setzen und so viele Menschen wie möglich an dieser Demonstration teilnehmen würden. (Kann ja auch mal samstags sein.)

Eure Andrea

 

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