Stadtleben

Interview mit Nicole Razavi

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Interview mit Nicole Razavi

Ministerin für Landesentwicklung & Wohnen des Landes Baden-Württemberg.

// Hallo liebe Frau Razavi, vielen Dank für Ihre kostbare Zeit. Beim Durchstöbern Ihres Lebenslaufes fällt sofort der Geburtstort Hong Kong auf. Wie viel Zeit haben Sie in der damals noch britischen Kronkolonie verbracht und wie ging es dann weiter für Sie?

In der Tat ist Hong Kong ein spannender Geburtsort. Durch den Beruf meines Vaters haben meine Eltern lange in Fernost gelebt. In den Kreis Göppingen, nach Sparwiesen, kam ich dann mit zwei Jahren. Dort bin ich aufgewachsen, dann nach Ebersbach ins Gymnasium und zum Studium nach Tübingen und Oxford gegangen.

// Neben dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gibt es in Baden-Württemberg nur noch 11 weitere Ministerinnen und Minister. Sie Sind seit März die Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen. Herzlichen Glückwunsch! Was genau können wir uns unter diesem Amt vorstellen?

Lieben Dank! Ich freue mich natürlich sehr über dieses spannende Amt, und dass ich ein echtes Zukunftsministerium aufbauen darf. Als Bauministerin von Baden-Württemberg bin ich Mitglied der Landesregierung. Ich sitze am Kabinettstisch von Winfried Kretschmann und entscheide bei den wichtigsten Fragen der Landespolitik mit. Ganz wichtig sind für mich natürlich die Themen meines Ministeriums: Bauen, bezahlbarer Wohnraum, Städtebau, Landesentwicklung und Denkmalschutz.

// Gab es schon einmal eine Ministerin oder einen Minister aus dieser Ecke des Ländles?

Aus dem Wahlkreis Geislingen bin ich tatsächlich die erste Ministerin. Allerdings kamen aus dem Landkreis schon ganz bekannte Namen wie Kultusminister Roman Herzog, der spätere Bundespräsident, Verteidigungsminister und der spätere NATO-Generalsekretär Manfred Wörner oder auch Landesinnenminister Frieder Birzele.

// Was ist zu tun, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?

Da gibt es viele Stellschrauben, an denen wir drehen müssen. Der Instrumentenkasten ist groß: Wir haben die soziale Wohnraumförderung des Landes deutlich erhöht. Wir wollen Baugenehmigungen vereinfachen und beschleunigen, brachliegende Flächen und leerstehende Wohnungen aktivieren und wieder auf den Markt bringen. Wir wollen die schlummernden Reserven im ganzen Land mobilisieren und so Impulse für mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Klar ist aber auch: Der Staat kann das Problem des Wohnraummangels alleine nicht lösen. Wir sind zwar das Land der Häuslebauer, aber wir sind als Ministerium nicht die besseren Häuslebauer. Wir brauchen die Städte und Gemeinden an unserer Seite und wir brauchen vor allem private Investoren. Sie schaffen den meisten Wohnraum, und je mehr Wohnraum es gibt, desto besser und günstiger wird das Angebot. Ich rede hier nicht in erster Linie von großen Wohnbaukonzernen, ich denke auch an die vielen kleinen Leute, die sich den Traum vom eigenen Haus oder der eigenen Wohnung erfüllen wollen – auch als Altersvorsorge. Diese Menschen müssen wir ermutigen und dürfen sie nicht abschrecken.

// Was braucht es, damit die Menschen weiter im Dorf oder in kleinen Städten bleiben?

Wir haben in Baden-Württemberg ja eine einzigartige Stärke: Bei uns findet das Leben und das Arbeiten nicht nur in den Ballungsräumen statt, sondern wir haben auch einen starken ländlichen Raum mit hoher Lebensqualität und Weltmarkführern, die Arbeit schaffen. Wir haben aber auch schöne Orte, die verödet und zu reinen Schlafstätten verkommen sind, wo es keinen Metzger und keinen Bäcker mehr gibt. Die müssen wir wieder mit Leben zu füllen.

Hier haben wir in der Vergangenheit viele Fehler gemacht. Ich will eine Renaissance der Dorfkultur, wo Generationen gerne leben, arbeiten und sich engagieren. Ich wohne selbst mitten in Salach. Ich weiß, was es heißt, wenn man fußläufig zum Bäcker, zur Apotheke, zum Bahnhof gehen kann. Das ist großartig – und Ergebnis einer vorausschauenden Innenentwicklung. Das ist das richtige Konzept. Da können und müssen die Kommunen die Weichen richtig stellen – und wir als Land helfen.

// Welche Ziele haben Sie sich für Ihre erste Amtszeit persönlich gesetzt oder auch gesetzt bekommen?

Mehr bezahlbarer Wohnraum – das ist derzeit eine der wichtigsten Forderungen der Menschen an die Politik. Für mich ist das Auftrag und Ansporn zugleich. Entscheidend ist, dass wir jetzt so schnell wie möglich die Bedingungen und das Klima für den Wohnungsbau verbessern. Es geht um Neubau und Sanieren im Bestand. Je größer das Angebot, umso mehr Entlastung, umso weniger Mondpreise. Das muss das Ziel sein.

// Sie haben als Ministerin eine große Verantwortung, was für ein Gefühl ist das? Was macht Ihnen am neuen Job am meisten Spaß?

Diese Verantwortung geht auch mit vielen Möglichkeiten einher. Ich kann in der ersten Reihe an der Zukunft unseres schönen Landes mitarbeiten. Am meisten Spaß macht es mir aber, die vielen guten und pfiffigen Ideen der Menschen im Land kennenzulernen: Häuser in Modulbauweise, eine Tauschbörse für Wohnungen, Aufstockungen auf Supermärkten, eine junge Familie, die ein denkmalgeschütztes Haus zu ihrem Zuhause umbaut, ein ganz neues Stadtviertel, das entsteht und Vieles mehr. Das macht meinen neuen Job so vielfältig, spannend und schön.

// Was verbindet Sie mit Geislingen?

Als direkt gewählte Abgeordnete für den Wahlkreis Geislingen sind es in erster Linie die Menschen und die schöne Gegend, die mich mit der Stadt und der ganzen Region verbinden. Geislingen ist das Herz des oberen Filstals. Gerade hier haben wir aber große und schwierige Aufgaben zu lösen. Ich halte die Schließung der Helfensteinklinik weiterhin für falsch und mache mir Sorgen um die Gesundheitsversorgung der Menschen. Ich kämpfe seit langer Zeit für den Ausbau der B 10 und der A 8 und will, dass beides endlich gelingt und wir brauchen kluge Entscheidungen bei den Schulen, damit die Kinder auch noch in Jahrzehnten eine gute Zukunft bei uns haben.

// Auf welche Frage haben Sie in letzter Zeit keine Antwort finden können?

Oh, da gibt es sicherlich viele! Was mich aber gerade wirklich umtreibt ist die Frage, wie wir es schaffen, unsere Impfquote zu erhöhen. Unser Gesundheitssystem ist leider am Anschlag. Das besorgt mich ungemein. Und als Abgeordnete erreichen mich auch viele Hilferufe aus Arztpraxen und Kommunen. Und die wünschen sich vor allem eins: Dass mehr Menschen sich impfen lassen.

// Sie sind seit 2007 Präsidentin des Turngau Staufen e. V., Mitglied des Präsidiums des Schwäbischen Turnerbund e. V., Ehrenvorsitzende des CDU Kreisverbandes und Mitglied des Kuratoriums der Hochschulstiftung Nürtingen-Geislingen. Mit Sicherheit haben wir noch ein paar Sachen vergessen Wie schaffen Sie all dies?

Wenn Sie das so sagen, klingt das tatsächlich viel, und ein paar Sachen sind in letzter Zeit auch noch dazu gekommen Das mache ich aber alles sehr gerne, weil es mir die Bodenhaftung gibt.

// Haben Sie zusätzlich noch Hobbies?

Wann immer ich es schaffe, versuche ich eine kleine Sporteinheit einzubauen. Und ich bin leidenschaftliche Skifahrerin.

// Auf was können Sie in Ihrem Leben nicht verzichten?

Gute Freunde, Bewegung, Natur, Lachen, gutes Essen…

// Meer oder Berge?

Beides! Als begeisterte Skifahrerin liebe ich Berge und Schnee … und als Inselkind natürlich auch das Wasser und Strand.

// Wie sieht ein perfektes Weihnachten für Sie aus?

Zu Hause, mit Familie und Freunden mit Muße die stille Zeit verbringen!

// Vielen lieben Dank, weiterhin viel Erfolg und eine schöne Adventszeit Ihnen.

Das wünsche ich Ihnen und allen Leserinnen und Lesern ebenfalls. Und vor allem viel Gesundheit und Zuversicht!

Foto: Uli Regenscheit