Stadtleben

Neuland im Mordloch

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Neuland im Mordloch

Neue Gangteile erkundet

Der Höhlentaucher Tim Schmitt hat Neuland im Mordloch bei Eybach gefunden. Und zwar weit hinter dem sogenannten „Südsiphon“. Bei einem Siphon senkt sich die Höhlendecke unter den Wasserspiegel. Am Südsiphon beginnt eine ganze Reihe von Siphons, weit dahinter stieß Schmitt in neue Gangteile vor. Seine Entdeckungen hat er jüngst bei einer Info-Veranstaltung auf der Alb vorgestellt. Neue Höhlenpläne zum Mordloch sollen demnächst veröffentlicht werden.

Um das Mordloch im Roggental zwischen Eybach und Treffelhausen rankt sich die Sage, dass hier einst ein Wilderer den Eybacher Schlossförster ermordet und seinen Leichnam in der Höhle versteckt haben soll. Bekannter wurde das aktive Wasserhöhlensystem, das mit einer bislang vermessenen Länge von knapp 4600 Metern unter den längsten deutschen Höhlen auf Rang 19 rangiert, durch eine spektakuläre Rettungsaktion im Februar 1977. Damals wurde eine vierköpfige Höhlengängergruppe in der Höhle von der Schneeschmelze überrascht und durch den rasant ansteigenden Wasserstand in der Höhle eingeschlossen. Erfahrene Höhlentaucher bargen die Eingeschlossenen, die sich auf eine höhere gelegene Stelle im Karstsystem gerettet hatten, schließlich unversehrt nach drei Tagen.

Einen ersten Bericht zur Erkundung des Mordlochs stammt aus dem Jahre 1800. Bereits 1883 hatten die beiden Roggenmüller das Mundloch der Quelle erweitern lassen, um das abfließende Wasser besser nutzen zu können. Nach ersten erfolglosen Freitauchversuchen wurde am 11. Juli 1959 der erste Siphon – rund 80 Meter hinter dem Eingang des Mordlochs – erstmals von Manfred Keller aus Eschenbach mit einem Druckluftgerät durchtaucht. Die Höhlenforschungsgruppe Eschenbach / Göppingen räumte schließlich mehrere Verstürze ab und erforschte die zwei Hauptgänge der Höhle auf eine Gesamtlänge von 2410 Metern. Die Endsiphons wurden 1964 und 1965 von Jochen Hasenmayer und Alexander Wunsch durchtaucht.

Das Mordloch entstand entlang eines Kluftnetzes im Kalkgestein der Alb.

Es zieht sich verzweigt unter der Treffelhausener Berghalbinsel hindurch. Ein steiler Gang verbindet die Höhlenbasis mit einem höher gelegenen Höhlenteil, der „Gammahalle“. Bei Regenfällen steigt das Wasser in der Höhle sehr schnell an, was die Höhle sehr gefährlich macht. Nur erfahrene Höhlenforscher sollten sich deshalb hineinwagen.

Der 24-jährige Maschinenbaustudent aus Weinheim forscht seit Frühjahr 2020 intensiv im Mordloch. Zusammen mit Höhlenkameraden aus Heidelberg und Kirchheim/Teck hat er sich dem südlichen Teil der Höhle gewidmet. Bei rund 40 mühsamen Höhlentouren gelang es ihm schließlich hinter der Siphonkette im Südgang weiter voranzukommen. Der Weg bis zum Südsiphon ist schon 1000 Meter lang. Hinter dem Siphon 2 kommt noch ein etwa 400 Meter weitgehend trockenes beziehungsweise bachartig durchflossenes Gangteil und der kurze Siphon 3, berichtet der Forscher. Dann beginnt der 82 Meter lange Siphon 4. Ab hier beginnt das Neuland.

Dorthin schleppten er und seine Kameraden stundenlang immer wieder die schweren, zum Tauchen notwendigen Pressluftflaschen. Gut neun Kilogramm wiegt eine 4-Liter-Flasche, rund 15 Kilogramm eine 7-Liter-Flasche jeweils mit Atemreglern. „In einem kleinen Biwak vor dem 4. Siphon standen bisweilen 15 oder 16 Flaschen“, sagt Tim Schmitt. Das Hauptproblem in der Höhle ist aber das sieben bis acht Grad kalte Wasser. Sein Neopren-Nasstaucheranzug hat deshalb eine Stärke von sieben Millimetern, in sonstigen Wasserhöhlen reichen bisweilen schon Neopren-Stärken von drei bis vier Millimetern aus.

In dem neuen, knapp 220 Meter langen Höhlenteil, den Schmitt auch schon vermessen hat, ist er ganz alleine vorgestoßen. Ein rund 40 Meter langes Gangstück hinter Siphon 4 kann ohne Taucherflaschen „befahren“ werden, wie die Höhlenforscher und Bergleute sagen. Er hat diesen Abschnitt die „Klapsmühle“ getauft. „Einfach deshalb“, lacht Schmitt, „weil man beim Rückweg aus den hinteren Gangbereichen kaum mehr den Einstieg in den Siphon findet.“ X-Mal sei er immer wieder abgetaucht, ohne die richtige Stelle zu orten, die wieder Richtung Ausgang führt, berichtet er. „Dabei kann man verrückt werden“. Der junge Höhlenforscher denkt, dass er das vorläufige Ende im Südgang erreicht hat. Auch im Nordgang des Mordlochs ist kein Weiterkommen, dort liegt ein geschlossener Versturz.

Die Höhlenforschungsgruppen Stuttgart, Kirchheim und Ostalb haben aber im Mordloch bereits 1986 mehrere Seitengänge erkundet, was die Höhle bis ins Jahr 1992 schon auf eine Länge auf über 4300 Meter Ganglänge anwachsen ließ. Mittlerweile sind gut 4600 Meter vermessen und das Karstobjekt die fünftlängste Höhle im Ländle. Sicher werden mutige junge Forscher noch weitere neue Gangteile entdecken.

Vielen Dank an Michael Rahnefeld für seine Recherchen!