Stadtleben

Situation auf dem Arbeitsmarkt in Geislingen

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Situation auf dem Arbeitsmarkt in Geislingen

Krise ist ein produktiver Zustand

Die Kurzarbeit ist auf Rekordhoch, die Exporte, Stand 9. Juni, sind um 30 Prozent eingebrochen und direkt oder indirekt ist fast jeder betroffen. Uns hat die derzeitige Situation auf dem Geislinger Arbeitsmarkt interessiert. Frau Thekla Schlör von der Agentur für Arbeit Göppingen war so lieb, uns mit ihrem Wissen unter die Arme zu greifen.

„Der Arbeitsmarkt im Bezirk der Agentur für Arbeit Göppingen hat eine zehn Jahre andauernde Phase mit einer guten und stabilen Entwicklung hingelegt. Schon im Lauf des letzten Jahres haben wir Wolken am blauen Himmel gesehen. Strukturelle Veränderungen und konjunkturelle Eintrübungen haben sich auf dem Arbeitsmarkt gezeigt. Zu dieser Eintrübung ist im Frühjahr die Corona-Pandemie dazugekommen, die wie ein Hagelsturm auf das gesamte öffentliche Leben niederging, um beim Bild des Wetters zu bleiben. Das hat auch Konsequenzen für den Arbeitsmarkt: Kurzarbeit wird in bisher nie gekanntem Maß genutzt, entgegen der üblichen Frühjahrsbelebung steigen die Arbeitslosenzahlen und sinkt die Zahl der offenen Stellen. Der Arbeitsmarkt steht in einem Spannungsfeld zwischen Unsicherheit, wie es bei den Unternehmen und ihren Mitarbeitern weitergeht, und Hoffnung, weil jetzt mehr und mehr Einschränkungen und Auflagen von den Regierungen gelockert oder ganz aufgehoben werden.“

Es gibt in der jetzigen Zeit aber auch freie Stellen zu besetzen. Es sind zwar weniger als vor einem Jahr, aber es gibt Bewegung. Beispielsweise gibt es Branchen, die auch jetzt mit dem Fachkräftemangel zu tun haben – nehmen wir den Pflegebereich, das Handwerk und Berufe im IT-Bereich. Dort wird dringend Personal gesucht.

Wie sieht es mit Ausbildungsplätzen aus?

Aus den Gesprächen mit den Betrieben, die vor der Pandemie eine freie Ausbildungsstelle zur Besetzung bei der Agentur für Arbeit gemeldet hatten, ist bisher bekannt, dass die meisten Unternehmen weiter ausbilden möchten und werden. Einige sind unsicher und möchten die weitere Entwicklung abwarten, bevor sie sich für drei Jahre mit einem Ausbildungsvertrag binden. Einige wenige haben ihre Ausbildungsstellen storniert. Offen ist auch, wie viele Schüler durch den Lockdown bei ihrer Berufswahl aus-gebremst wurden und wie das aufgeholt werden kann.

Sind die goldenen Jahre auf dem Arbeitsmarkt vorbei?

Thekla Schlör: „Im Moment muss man diese Frage mit „aktuell ja“ beantworten. Die Auswirkungen der Pandemie auf den Wirtschaftsstandort Deutschland sind groß. Besonders im Landkreis Göppingen haben wir einen hohen Anteil an produzierendem Gewerbe, das stark am Export hängt. Dass es eine hohe Betroffenheit gibt, merken wir an der angezeigten Kurzarbeit. Noch nie waren so viele Beschäftigte bei so vielen Betrieben in Kurzarbeit. Dieses Instrument wird wie schon in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 / 2009 Arbeitsplätze retten und die Betriebe bei ihren Personalkosten entlasten. Dennoch wird die Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten beim Blick auf die Weltwirtschaft noch steigen.“

Frau Schlör möchte aber keine Totengräberstimmung verbreiten – ganz im Gegenteil. Der Standort sei stark, die Unternehmen innovativ, die Wirtschaftsstruktur leistungsfähig. Das alles sind gute Voraussetzungen, um Pandemie und Strukturveränderungen zu meistern. „Wir sollten nicht vergessen, dass noch vor wenigen Monaten die Betriebe den Fachkräftemangel als größtes Risiko für weiteres Wachstum benannt haben.“

Kann die jetzige Situation auch eine Chance für den Standort Geislingen sein?

Thekla Schlör: „Kennen Sie den Spruch von Max Frisch? „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen“. Laut ihr sind viele kreative und neue Ideen entstanden, um die schwierige Zeit zu überbrücken. Ein gutes Beispiel ist das zuvor etwas lahmende Thema Digitalisierung, welches durch die Krise an Tempo gewonnen hat. Im Moment heiße es durchhalten – aber auch schon an die Zukunft denken. „Ich bin zuversichtlich: Wir gehen wieder besseren Zeiten entgegen.“

Im Bezirk der Geschäftsstelle Geislingen gibt es derzeit 1.811 arbeitslose Männer und Frauen, dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 5,3 Pro-zent. Aktuell stehen dem Arbeitsmarkt 380 offene Stellen zur Verfügung.