Stadtleben

Stammtische in Geislingen

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Stammtische in Geislingen

Stammtische in Geislingen

Spitzenwirt Wanze berichtet

Beim Verteilen unserer kois geben wir ja viel unserer wertvollen Fracht in der Geislinger Gastronomie ab. Und da fällt natürlich auch auf, dass oft die gleichen Besucher am gleichen Tisch auf dem gleichen Platz in der gleichen Lokalität sitzen. Sei es in der Gaststätte Rad in Altenstatt, im Clochard, in der Altstattkneipe Spitze oder auch sonst wo.

Den Begriff „Stammtisch“ gibt es seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Damals trafen sich die Bürger regelmäßig zu geselligen Runden in Gastwirtschaften, Weinhäusern und Kaffeehäusern. Bei diesen Treffen versammelte man sich um runde Tische, die meist durch ein besonders geformtes Schild für bestimmte „Stammtischrunden“ reserviert waren.

Neben dem geselligen Beisammensein mit Trinken, Karten- und Brettspielen ging es am Stammtisch oft um politische und philosophische Diskussionen. Diese waren beliebt, denn jeder konnte hier in deutlichen und gelegentlich auch in kräftigen Worten seine Meinung über die politische Lage und die Regierung ausdrücken. Die Herrschenden waren häufig nicht sehr erfreut über die Reden, die am Stammtisch geführt wurden.

So schimpfte der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, dass es zum deutschen Bedürfnis gehöre, „beim Biere die Regierung schlechtzureden“. Auch in der nationalsozialistischen Diktatur wurden Stammtischrunden von den Machthabern kritisch beobachtet und oft von Spitzeln überwacht.

Wir haben mit dem Wirt der Spitze, überall als Wanze bekannt, darüber gesprochen.

„Stammtische hat es schon immer gegeben, meist neben den Kirchen. Am Ende des Gottesdinstes waren die Kneipen und somit natürlich die Stammtische rapellvoll. Viele sind wahrscheinlich gar nicht in die Kirche gegangen, sondern sind gleich zum Stammtisch marschiert.

Traditionell erfährt man am Stammtisch alles. Wenn man was in Umlauf bringen will, dann ist der Stammtisch dafür eine wunderbare Einrichtung: „Jungs, es bleibt unter uns …“

Natürlich bindet ein Stammtisch sehr, das kann man sich ja vorstellen, wenn sich die Leute über Jahre und Jahrzehnte immer wieder treffen. In der Spitze haben wir mehrere Stammtische, Jungs- wie auch Mädchenstammtische. Seit Jahren hat jeder der „Teilnehmer“ seinen eigenen Platz, wohlgeschützt und reserviert vor Fremden …“

Wer dabei aber nur an Stammtischler fortgeschrittenen Alters denkt, der irrt sich: „Wir haben auch junges Publikum, die spielen Binokel (auf Schwäbisch eher unter Benogl bekannt.), essen und trinken und genießen die Gemeinschaft. Früher gab es etliche Stammtische im ehemaligen Bräustüberl, da war einiges los. Oder im Wasserberghaus, da gab es teilweise über 30 Jahre lang einen Stammtisch. Im Schneelaufverein in Weiler wird diese Tradition aber auch noch fortgesetzt.

Wir haben hier in der Spitze einen Kochstammtisch, in welchem Hobbyköche ihre Rezepte austauschen. Nach dem Turnen hatten wir früher auch immer wieder die gleichen Gäste hier. Zusammengefasst gesagt sind Stammtische sehr wichtig, sie sind Anlaufstelle bei Problemen und Fragen, hier findet man Rat, kommunikationsfreudige, also auch aufgeschlossene Menschen und generell geht es immer lustig zur Sache.

Beim Stammtisch geht es nicht darum, sich volllaufen zu lassen, um sich dann am nächsten Morgen verkatert in die Arbeit zu schleppen. Vielmehr geht es darum, Leute zu treffen, gute Gespräche zu führen und die Zeit zu vergessen. Wann hast du das letzte Mal vor lauter Diskutieren vergessen, auf dein Smartphone zu schauen oder Bauchschmerzen vom Lachen bekommen? Das sehe ich bei meinen Jungs und Mädels immer wieder.“

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de