Stadtleben

Telefonzellen – Ein Relikt aus einer anderen Zeit

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Telefonzellen – Ein Relikt aus einer anderen Zeit

Fasse Dich kurz!

Neulich nach langer Zeit bin ich mal wieder ohne Hast und Hektik am Daimlerplatz gewesen, habe mir beim Bäcker einen Briegel geholt und an die Zeit damals gedacht, als ich noch die jahrelange Stationierung im MiGy genossen habe (wenn auch nicht bis ganz zum Ende). Auf jeden Fall stand dort immer eine Telefonzelle, die von den Schülern häufig benutzt wurde. Wahrscheinlich ist das Ding schon etliche Jahre weg, ist mir persönlich aber noch nie aufgefallen … Dann die Frage, was ist denn mit den anderen Telefonzellen in Geislingen passiert?

Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin trotz großer Anstrengung nicht fündig geworden. Die Stadt wusste auch keinen Rat, die Telekom schrieb netterweise: „Haben Sie vielen Dank für Ihre Anfrage. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die Telekom keine regionalen Daten mehr für die externe Kommunikation vorhält.“ Für was auch, ist ja gewissermaßen auch gefühlt ein Relikt aus einer anderen Zeit, auch wenn sie noch gar nicht so lange her ist.

Wir haben viele Geislinger befragt, wo denn noch so ein Häuschen stehen könnte bis dann der ehrenwerte Dieter Baudisch, bekannt auch als Taxi-Baudisch, Abhilfe schaffen konnte:

„Es gibt noch eine Telefonzelle in Geislingen. In den 90ern hatte ich noch 20 beworben … Früher waren es zwei Stück am Daimlerplatz, drei am Bahnhof, eine in der Memelstraße, zwei am städtischen Sportplatz, zwei am Sternplatz an der Sternapotheke, eine am Sternplatz unterhalb der Kreissparkasse, eine in der Stuttgarterstraße bei der Metzgerei Häcker, eine im Zillerstall Ecke Eschenweg, eine am Altenstädter Friedhof, dann in der Heidenheimerstraße Ecke Karl-Benzstraße stand eine, zwei Stück am Krankenhaus, eine in der Karlstraße Ecke Ledergasse, dann eine am WMF Tor 3 an der Ecke Hölderlinstraße und zu guter Letzt noch eine an der SC Gaststätte.“ Erhabenen Dank werter Diddi!

Das Telefonhäusschen: Die einen spielten in ihm unentwegt Telefonstreiche. Die anderen erlebten dort ein intimes Telefonat, das sie zu Hause nicht führen wollten. Heute fühlt es sich nostalgisch an, wenn man eine Telefonzelle betritt, den inzwischen viel zu groß wirkenden Hörer in die Hand nimmt und auf den metallenen Tasten eine Nummer wählt, so man denn ein Häuschen noch findet.

Im Zeitalter von Smartphones und Internet ist die Verbindung in die Welt jederzeit und überall selbstverständlich. Seit etwa 2007 ist das Handy ein Massenprodukt. Bundesweit sind mit Stand 31.12.2020 ca. 14.500 öffentliche Telefone in Betrieb. Heute kommen nach Erhebungen der Bundesnetzagentur statistisch gesehen auf jeden Einwohner ca. 1,8 SIM-Karten für die Nutzung von Mobilfunkanwendungen. Der Mobilfunkausbau und der Telefonzellenabbau, sie gehen Hand in Hand. Die gute alte Telefonzelle wird zum Ort der Erinnerung. Streng genommen heißt es übrigens sowieso eher Telefonhäuschen oder noch genauer „Fernsprechhäuschen“. Denn „Telefonzellen“ bezeichnen eigentlich nur die festgemauerten Zellen, die es in Hotels oder Postämtern gab.

Wir haben die Telekom zum Abbau der Telefonhäusschen gefragt:

„Grundsätzlich passen wir unseren Bestand an Telefonstellen fortlaufend dem Bedarf der Bürgerinnen und Bürger an. Der Unterhalt einer Telefonstelle kostet Geld, u.a. für Strom, Standortmiete, Wartung oder Beseitigung von Schäden durch Vandalismus (allein Vandalismus ca. 1. Mio. Euro p.a.). Auch stillgelegte (und noch nicht abgebaute) Telefonstellen können aus den o.g. Gründen weiter Kosten verursachen.

Mit der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände wurde deshalb vereinbart: Die Telekom darf Städte und Gemeinden wegen eines Abbaus ansprechen, wenn auf deren Gebiet extrem unwirtschaftliche öffentliche Fernsprecher mit einem Umsatz von weniger als 50€ im Monat stehen. Der rückläufige Umsatz ist ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung mit öffentlichen Telefonstellen der Bevölkerung an dieser Stelle offensichtlich nicht mehr besteht. Der Kunde ist die wesentliche Entscheidungsinstanz hinsichtlich des Angebots an öffentlichen Telefonen. In aller Regel stimmen die Kommunen einem Abbau aufgrund fehlender Nachfrage zu.

Sollte es – in Ausnahmefällen – zu keinem Konsens bzgl. eines bestimmten Standorts kommen, tauschen wir das vorhandene öffentliche Telefon gegen ein deutlich günstigeres „Basistelefon“ aus (i.d.R. eine Metallstele, an der ein Telefon angebracht ist). Dort kann man – ausgenommen der Notruf – „nur“ noch mit dem CallingService (0800-Call) telefonieren (keine Münzen = keine Münzkassetten wg. Diebstahl/Vandalismus). Dazu noch eine Anmerkung: Nur mal angenommen, die Kommunen wären selbst für den Unterhalt/Betrieb von öffentlichen Telefonen zuständig, dann hätten sie die allermeisten schon längst flächendeckend abgeschafft, da die meisten noch erhaltenen Standorte heutzutage in aller Regel schlichtweg nicht bzw. kaum noch rentabel zu betreiben sind.

Fazit:

Allein der Kunde entscheidet durch sein Nutzungsverhalten (Nutzung und Bedarf hängen unmittelbar zusammen) selbst darüber, wo und in welcher Anzahl öffentliche Telefone zur Verfügung stehen. Überall dort, wo es auch wirtschaftlich Sinn macht, bleiben öffentliche Telefone der Telekom auch in Betrieb (z.B. Bahnhöfe, Flughäfen oder Messegelände). Telefonstellen (Häuschen/Säulen) werden nach deren Ausbau fachgerecht entsorgt, recycelt oder wenn noch in einem guten Zustand zum Kauf angeboten. Informationen zum Verkauf auf Nachfrage über info@telekom.de.“

Übrigens:

Nach Angaben der Telekom stand das letzte gelbe Telefonhäuschen vom Typ TelH78 aus Zeiten der Deutschen Bundespost in Bayern im Wallfahrtsort St. Bartholomä am südwestlichen Ufer des Königssees und wurde im Oktober 2018 abgebaut.

Wie schnell sich Kommunikation ändert, lässt sich am Telefonhäuschen illustrieren. Ihre Blütezeit in den Neunzigern ist gerade mal 25 Jahre her. Mehr als 160.000 Telefonstandorte befanden sich laut Deutschem Städtetag im öffentlichen Raum. Die Glaswände des Häuschens waren wichtig: Denn die Leute legten viel mehr Wert darauf, dass ihre Gespräche in der Öffentlichkeit niemand mithören kann. Heute ist das den meisten Leuten egal: Ob im dicht gedrängten Bus oder in der Warteschlange – inzwischen wird überall laut telefoniert.

Die allererste Telefonzelle, der sogenannte Fernsprechkiosk, wurde 1881 in Berlin aufgestellt. 1899 kam der Münzfernsprecher auf, Telefonzellen für geschlossene Räume. Eine Kulturhistorikerin würdigte sie als ein „radikaldemokratisches Medium“. Denn es konnten zum ersten Mal auch Menschen telefonieren, die sich keinen eigenen Festnetzanschluss leisten konnten. Ab den Zwanzigern gehörten sie zu jeder Stadt dazu. An einen Hinweis aus den Siebzigern erinnern sich viele Leute gerne: „Fasse Dich kurz!“ stand neben den Automaten, weil sich Ortsgespräche dank eines Festpreises unendlich ausdehnen ließen.

1984 kostete ein Gespräch 20 Pfenninge, später dann 30 Pfennige – diese Preiserhöhung die allenthalben auf Empörung stoß, konnte aber dennoch nicht dafür sorgen, dass sich die öffentlichen Fernsprecher lohnten. Die Betriebskosten der rund 130.000 Telefonzellen überstiegen die Einnahmen von etwa 250 Millionen DM bei weitem. Die Deutsche Bundespost musste dieses Minus allerdings ertragen und dafür sorgen, dass sich eine Kommunikationsmöglichkeit immer in „Laufweite“ befand – sprich im Umkreis von 2,5 km. Das sah der Versorgungsauftrag vor, dem das Unternehmen unterlag. Immerhin waren zu dem Zeitpunkt noch rund 2,3 Million Haushalte in Deutschland ohne eigenen Telefonanschluss.