Stadtleben

Unzensierte Gedanken einer Geislinger Radlerin

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Unzensierte Gedanken einer Geislinger Radlerin

Von Knautschzonen und Airbags

Da wir beide selber zviel mit dem Auto, Motorrad aber auch wenn möglich so viel es geht mit dem (E-) Fahrrad unterwegs sind, können wir natürlich alle Seiten verstehen. Und selbstverständlich wird die jeweils andere Seite auch immer gebührend verflucht. Hier die Gedanken einer Radlerin, die, obwohl auch das Auto hin und wieder genutzt wird, gerne die Seite der Zweiradler aufzeigen möchte.

Sehr geehrte AutofahrerInnen,
liebe, und manchmal gehasste Mitbenutzer der Straßen (gehasst deswegen, weil Ihr meinesgleichen schon so oft in Lebensgefahr gebracht habt)!

Dass wir uns täglich begegnen, ist unvermeidlich, deswegen lasst uns doch versuchen, zur gegenseitigen Sicherheit und zum beiderseitigen Vergnügen unterwegs zu sein. Mit der gegenseitigen Sicherheit ist das so eine Sache, weil Ihr mit Eurer Karosserie eine Knautschzone um Euch herumhabt und zusätzlich noch Airbags. Wir haben nur unsere Körper. Und darum sehr oft Angst.

Manchmal scheint es mir, es wäre Euch am liebsten, wenn es uns gar nicht gäbe. Was wären die Folgen? Noch mehr Abgase, noch mehr Konkurrenz um Parkplätze, noch mehr verstopfte Straßen und Staus, noch mehr Hektik. Aber es gibt uns, sogar in steigender Zahl, und das vielleicht auch deswegen, weil manche von Euch manchmal, mit oder ohne Motor, in unsere Rolle ‚rüberwechseln – und dann müssten Euch meine Gedanken doch voll reinlaufen. Dann wisst Ihr aus eigener Erfahrung, dass eine Radfahrerin mehr Platz braucht als die Reifenbreite, dass Anhalten und wieder Anfahren eine Aktion des ganzen Körpers ist und nicht nur die Bewegung des rechten Fußes, und dass exakt geradeaus zu fahren schwieriger ist als beim Auto, vor allem beim Anfahren.

Überhaupt müsstet Ihr ja den Abstand von 1,50 m gut abschätzen können! Geübt seit 1 ½ Jahren Corona. Bitte nehmt zur Kenntnis, dass Ihr Autofahrer beim Überholen von Radfahrern genau diesen Abstand einhalten müsst, jawohl. Dies gilt innerhalb geschlossener Ortschaften, außerhalb sind es 2 m. Wir Radfahrer sollen zudem an parkenden Autos im Abstand von mindestens 1 m vorbeifahren, als Anhaltspunkt gilt eine Autotürbreite. So entsteht eine schreckliche Lage: Die Straße ist schmal, es kommt Gegenverkehr, und Ihr könnt nicht überholen. Krise. Es wird trotzdem überholt.

Was ist so schlimm daran, wegen eines anderen Verkehrsteilnehmers langsam fahren zu müssen? Ich wüsste auch zu gerne, was Ihr mit der Zeit anfangt, die Ihr durch einen riskanten Überholvorgang gewinnt. Rechtfertigt es dieser Gewinn, Leben und Gesundheit eines anderen Menschen aufs Spiel zu setzen? Radfahren statt Autofahren liegt im Trend, denn der Klimawandel erreicht endlich unser Bewusstsein. Also, wo es geht, rauf aufs Rad, aber sicher, bitte!

Sehr geehrte MitbenutzerInnen der Straßen, Eure unzensierten Gedanken interessieren mich auch, zumal ich manchmal auch Autofahrerin bin. Ich beobachte auch gelegentlich die Konflikte auf den Straßen aus der Fußgänger-Perspektive.

Also, alle guten Wünsche für eine problemlose Mobilität für alle!

Gisela Kohle,
68 Jahre und begeisterte Radlerin